Ein Rausch aus Stein, Wasser und bröckelndem Putz auf in den Schlick gerammten Pfählen.

Honestly now: Wer kommt auf so eine Idee? Eine Stadt aufs Wasser zu setzen? Auf kleinste Inselchen und Sandbänke? Wer hält an dieser Idee über Jahrhunderte hinweg fest? Auch dann noch, wenn rundherum erfolgreiche Siedlungen aufgegeben werden?

Venedig gleicht einem fulminanten Alptraum aus einem Greenaway-Film. Es ist ein durchstreifbares Essay über die Grenzen und Möglichkeiten von Architektur und Stadtplanung. Ein Kuriositätenkabinett menschlicher Findigkeit. – Kein Wunder, dass die Biennale hier statt findet.

Selbst der profanste Akt, ein Ticket für den Wasserbus zu kaufen, wird in Venedig zu einem Schaulaufen im Labyrinth. Touristen durchstreifen es verwirrt in erhabenem Zauber. Oder schlicht genervt. Die Einheimischen verfügen vermutlich über den Ariadne-Faden. Als Reisende kann eine oft nicht unterscheiden, was hier authentisch ist und was nur Kommerz.

Überhaupt: Venedig und seine Besucher. Nicht ungleich eines Heuschreckenschwarms fallen sie in die Stadt ein: wuseln sich von den großen Kreuzfahrtschiffen herunter, die die Stadtansicht von allen Seiten weit überragen. Wimmeln aus dem monströs großen Parkhaus heraus über noch die kleinste Brücke, durch die schmalste Hinterhofgasse.

Vor zwölf Jahren hatte ich den Eindruck, frau könne dem Touristenstrom recht einfach entgehen, in dem sie konsequent immer anders abbiege als die Massen. Diesmal erschien mir nur die dem Kreuzfahrthafen abgewandteste Seite, die Wasserkante Dorsoduros, einigermaßen unüberlaufen.

Hält sich Venedig, frage ich mich, nur noch, weil es eine solche Touristenattraktion ist? Und zerstören wir Abertausende von Touris nicht genau seinen Charme?

Aber dieses Licht … nein, ich hoffe doch sehr, dass das von Menschenhand nicht zu beeinflussen ist. Selbst meine Kamera sieht es nicht so, wie es wirklich ist. Und ich kenne ja nur den Frühsommer. Die Zeit Ende Mai, Anfang Juni. Das klare, leuchtende Licht des Morgens. Nach der Kühle der Nacht. Und dann der Dunst, der ab Mittag wie ein feiner Schleier über der Stadt und den Inseln der Lagune hängt, weil es so heiß und schwül ist. Die feurigen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die graudräuenden Gewitterwolken bohren am späten Nachmittag und dann das sanfte Gold, wenn der Regen sich verzogen hat.

Das Licht. Wie im Theater. Ist es warm und hell und klar, ist auch der schäbbigste Durchgang charmant und man überriecht den Moder. Aber im Grau des Regens wird das Heruntergerockte schlicht hässlich, gar morbid. Das Schöne und das Hässliche leben in Venedig Seite an Seite und manchmal sind sie ein und das Selbe. Die Formensprache Venedigs ist die einer vergangenen Zeit, aber all die Fragen, die sich einem beim Durchqueren dieser Stadt stellen, weist in die Gegenwart und Zukunft großer Städte.

Wir waren acht Tage unterwegs. Also nicht ganz Liftkartenoptimalausnutzung der Pfingstferien. Zwar sind wir freitags gleich nach Schulschluss ins Auto gesprungen, aber wir haben uns einen Ankommsonntag zuhause gegönnt, ehe es zurück in den Alltag ging.

Losgehen wollte es zunächst nicht so recht. Auf der A 45 reihen sich bekanntlich die Brückenbaustellen. Von Aschaffenburg bis Würzburg – viele anNÄHerung_süd-Teilnehmeirnnen können ein Lied davon singen –  ist auch stets Stau. Hinter München war es dann schon dunkel, als wir kamen. Und von Österreich hab ich erst in der Stadtbeleuchtung Villachs nachts um 2 ein bisschen was gesehen.

Dafür lief’s am Samstag hevorragend. Nach einem kurzen Schläfchen im Hotel, gönnten wir uns einen kleinen Spaziergang und ein opulentes Frühstück im Park-Café … große Empfehlung, selbst bei frühem Start. Dann ging es über Udine nach Tronchetto, also in Venedigs größtes Parkhaus. In das wir dank Ally-Kanadier auf dem Dach nicht passten. Da aber der rückwärtige Busparkplatz fest in der Hand von Ruder- und Drachenboot-Crews war, ließen wir Boot und Auto einigermaßen beruhigt dort.

Der resident engineer sprintete mit Handy, Navi und Stadtplan bewehrt los, unsere Startnummer für die Vogalonga zu besorgen. Sohnemann und ich kamen genau bis zur ersten ernstzunehmenden Pizzeria. Dort begann dann die Testreihe Salami-Pizza. Neben Pizza nahmen wir auch noch die von mir heißgeliebten Aranci mit und taten das Tourimäßige: wir setzten uns auf eine Brücke und aßen Mittag.

Anschließend trug ich über eine Stunde unseren Abfall mit mir rum, weil öffentliche Mülltonnen Seltenheitswert haben in der Serenissima.

Bis der resident engineer wieder zu uns gestoßen war, hatten wir schon eine Maske, ein Geburtstagsgeschenk und noch eine Kette gekauft und meditierten gerade über einer entzückenden Eisauswahl.

Mit Startnummer und Vogalonga-Shirts ging’s zurück zum Auto und einmal rund um die Lagune. Schließlich mussten noch ein Zelt und ein Boot aufgebaut werden. Und es war schon fünf. Nach der Enge und dem Gedränge venezianischer Gassen, atmeten die weiten Schilfflächen zwischen dem Flughafen von Venedig und Jesolo Weite und Verlassenheit gleichzeitig. Entlang der kleinen Landstraße eine Kette von aufgelassenen oder nie beendeten “Bauernhäusern”.

Zwischen Jesolo und Punta Sabbioni reihen sich große Campingplätze am langen Strand auf. Wir hatten mit Camping Miramare einen gewählt, der Vogalonga-empfohlen war und nahe an der Lagunenseite der Halbinsel liegt.

In unserer Reihe waren die Paddler unter sich. Im Wesentlichen aus NRW, noch dazu einige Hagener. Die Paddlerwelt ist dann doch klein. Unser gutes altes Baumwollzelt stand schnell. Der “neue” Ally wehrte sich nach Kräften und der resident engineer musste sich so manchen gut gemeinten Ratschlag anhören, während ihn die Mücken fraßen.

Erschöpft fielen wir kurz nach Einbruch der Dunkelheit auf die Luftmatratzen für eine weitere kurze Nacht. Denn wir waren schließlich für die Vogalonga gekommen.

Nach 12 Jahren, in denen wir nur ab und zu die Fotos anderer Teilnehmer bewundert hatten, wollten wir auch endlich wieder bei dieser Regatta dabei sein. Die Vogalonga ist eigentlich ein großer Protestmarsch gegen den immer weiter zunehmenden Motorbootverkehr in der Stadt und den Schaden, den er anrichtet.

Aus diesem Grund dürfen nur muskelgetriebene Boote teilnehmen: also venezianische Gondeln, Ruder- und Paddelboote, SUPs und alles, was an exotischen Bootsformen zu haben ist. (Wir haben z.B. die Entsprechung zum Liegendfahrrad auf dem Canale Grande gesehen.) Der Kurs führt vom Markusbecken hinaus in die Lagune, an den Inseln San Erasmo und Burano vorbei, durch Murano und schließlich den Canale Grande entlang zurück zum Start. Insgesamt ca. 30km. Sowohl “Stadtverkehr”, als auch windiges, offenes Gewässer.

Zwar dürfen Motorboote in der Kernzeit der Regatta auf der Strecke nicht fahren, aber man muss als Team sein Boot ja auch hin- und wieder wegbekommen und das heißt dann schon, zwischen Vaporettos, Wassertaxis und Lastenschiffe zu manövrieren und mit ungewohnt kebbeligem Wasser zurechtkommen.

Also nichts für Newbies und auch nichts für Untrainierte. Unsere Minimalvorbereitung war schon hart an der Grenze.

Wir waren am Regattatag um 7 Uhr morgens in auf dem Wasser, denn wir mussten erstmal einige Kilometer vom Lido zum Start paddeln. Schnell zeigte sich, dass unser “neuer” Faltkanadier zwar recht sicher im Wasser lag, aber eben auch, dass das Boot selbst bei vollem Einsatz zweier Erwachsener eher gemütlich unterwegs ist. (Tipp für interessierte Paddler: Seekajak ist hier definitiv die bessere Wahl. In jedem Fall aber ein schnell laufendes Boot.)

Sohnemann nahm die ersten großen Wellen mit Begeisterung und verlangte nach mehr. Das sollte er im Laufe des Tages auch bekommen.

Vor zwölf Jahren war die Vogalonga schon eine große Veranstaltung. Aber dieses Jahr zogen unablässig Boote an uns vorbei und kein Ende in Sicht. Bei 2000 Booten war Anmeldestopp. Die Teilnehmerzahl dürfte 3 mal so hoch gelegen haben. Ein farbenprächtiges leicht durchgeknalltes Wassersport-Event, das zwar nicht als Wettkampf konzipiert ist, aber auf Grund der Verhältnisse durchaus eine sportliche Herausforderung ist.

Ich für meinen Teil war bei der Ankunft in Venedig so fertig, dass ich den kleinen Triumphlauf den Canale Grande rauf gar nicht mehr genießen konnte. Frau ist halt auch keine 30 mehr. ;-) Zum Glück reagierte der resident engineer relativ gelassen af mein “Ich paddle auf keinen Fall mehr zurück!” Sohnemann hatte schon vorher aufgesteckt und sich im Boot wieder seiner Urlaubslektüre gewidmet.

Die Vaporetto-Station Salute lag direkt am Anlandeplatz. Easy, dachte ich. Wir packen das Boot ein, schultern unser Equipment, setzen zur anderen Kanalseite über und nehmen die Fähre zurück. …

Guter Plan, allein es fehlte an einem Fahrkarten-Automat. Und an Bord würde man auch kein Ticket bekommen, wie uns die aushängenden Tafeln informierten. Dank Smart Phone ließ sich die nächste Fahrkartenverkaufsstelle recherchieren. Sie lag n a t ü r l i c h auf der anderen Kanalseite. Also bewachten die Herren unseren Kram und ich hetzte los. Zur Accademia-Brücke, über selbige weg vom Canale Grande, zurück zum Canale Grande. Durchs Labyrinth, bis mir D.R.Alvise endlich vier Tickets verkaufte und ich mit dem übernächsten Vaporetto über den Kanal zu meinen Männern zurückfahren konnte.

Merke also: Vaporetto-Tickets kauft frau direkt am Flughafen, wenn sie einfliegt – und dann auch gleich das Mehrtagesticket.Denn eine einzelne Fahrt kostet immer 7,50€, auch wenn’s nur eine Station ist. Oder man kauft sie beim Verlassen des Parkhauses auf der Piazzale Roma.

Als wir endlich Boot und Material wieder am Campingplatz ausluden, war es nach 20 Uhr abends. Und wir stehend k.o.

Dementsprechend folgte ein Ruhetag am Pool des Camping-Platzes, an welchem der sonst hyperaktive resident engineer erst “stundenlang” im Blubberbad saß und dann um 12.15 beschloss, es sei schon Zeit für einen Spritz. Das sollte nicht der letzte bleiben. Überhaupt: Was ist eigentlich in diesem unserem Lande so schief gelaufen, dass wir keine vernünftige Apéritif-Tradition haben?

Am Abend checkten wir bei einem kleinen Spaziergang noch den Strand. Und beschlossen, am Tag vor der Abfahrt auf alle Fälle dort schwimmen zu gehen.