Die Bomberjacke tauchte alle Jahre wieder im Modezirkus auf, muckte einmal kurz und verschwand wieder in verschiedenen Subkulturen. Mittlerweile ist sie aber im vierten oder fünften Modejahr ziemlich präsent. So, what gives?

Neben der klassischen Fliegerjacke aus Leder und mit Fellkragen, die seit Aviator und der davon stark beeinflussten Burberry-Kollektion 2010 oft zu sehen war, sind es zur Zeit vor allem die moderne MA1 – also die Bomberjacke aus Nylon mit Strickbunden an Armen, Taille und Hals – die auf den Laufstegen auseinandergenommen und neu zusammengesetzt wird.

Im Folgenden schaue ich mir zwei Beispiele etwas genauer an. Zwei kürzlich gezeigte Herbst- Winter-Kollektionen für die kommende Saison: Diesel Black Gold (Mailand) und Sacai (Paris).

Mit Ausnahme von zweieinhalb weißen Outfits bewegt sich die Diesel Kollektion in einer Farbskala von Dunkelblau bis Schwarz. Die Oberflächenunterschiede der einzelnen Materialien spielen die entscheidende Rolle. Die Modells schauen eher grimmig drein, das Make-Up hält sich zurück. Boots und Stiefel ohne Absätze in verschiedenen Höhen. Tough bis wehrhaft die Anmutung, unterstrichen von Nieten und dicken Zippern.

Diesel Black Gold RTW Fall 2016

Die Fliegerjacke kommt gleich im ersten Look auf den Laufsteg: gerade  so eben taillenlang, mit kurzen, leicht puffigen Ärmeln. Der Zipper, der abgeschrägte Bündchenkragen deuten die Herkunft an. Im samtigen Material verschwindet die Sportlichkeit, die Wuchtigkeit aber bleibt erhalten. Der gequiltete kurze A-Linie-Rock (der die Struktur des Innenlebens einer „tatsächlichen“ Bomberjacke aufgreift) und die schlichten, wadenhohen Stiefel nehmen dem weichen Material des Jackenoberteils allerdings alles Festlich-Brave. Tough und nüchtern kommt der Look daher.

Bei tough, nüchtern und badass bleibt die Anmutung auch dann noch, wenn Glitzer ins Spiel kommt.

Diesel Black Gold RTW Fall 2016

Die Form der Jacke ändert sich von ultrakurz zu Minikleid zu Hüftlänge.

Diesel Black Gold RTW Fall 2016

Diesel Black Gold RTW Fall 2016

Das Material variiert zwischen unerwartetem Samt, verschieden gequilteten Stoffen, Leder und Pailetten.

Diesel Black Gold RTW Fall 2016

Neben dem kurzen A-Linie-Rock wird die kurze Version der Jacke zu langen, weiten Hosen getragen. Eine Kombination, die sowohl an Pilotinnen als auch an Rennfahrerinnen erinnert. Körperbetonte Formen werden fast immer mit voluminösen Formen kombiniert: in die kurzen Röcke werden weite Pullover gesteckt. Die Taille ist fast durchgehend mit Gürteln betont, zusätzlich zu den hohen Bündchen der kurzen Jacke.

Das gequiltete glänzende Material ist aus dem Inneren der Jacke herausgewandert und kommt in Rock und Kleidform daher.

Die Variationen in Formen und Material sind ähnlich klar wie das Farbschema. Einige zentrale Ideen werden durchgespielt und erzeugen immer wieder den Eindruck einer toughen, durchsetzungsstarken Weiblichkeit. Zerbrechlich ist hier nichts. Selbst der Gegensatz zwischen z. Teil mehrlagiger Kleidung und nackter Haut spielt dem Eindruck des Gewappnetseins eher noch zu als ihn zu brechen.

Insgesamt eine nicht zu couturige Kollektion, mit vielen coolen Stücken, die bei passender Figur und Strumpfhose durchaus alltagskompatibel sein können.

Auch bei Sacai bildet eine eher dunklere Farbskala das Gerüst der Kollektion. Allerdings stechen viel häufiger hellere Nuancen heraus. Innerhalb einzelner Looks werden wesentlich mehr Materialien verwendet als bei Diesel. Und Muster spielen eine größere Rolle.

Anders als die sehr klaren, reduzierten Ideen bei Diesel, treffen in der Sacai Kollektion verschiedenste Inspirationsquellen aufeinander. So sind neben der Bomberjacke andere taktische Jackentypen erspürbar inklusive mindestens einer historischen Form.

sacaihusar

Die Husarenjacke scheint sich in den Gurten des Fallschirms verheddert zu haben. Was übrigens für so gut wie alle Modelle gilt: Gurte und Bänder tauchen an allen möglichen Stellen auf, vor allem an eher unfunktionalen. Sie werden also zu reiner Dekoration.

sacaisteickbomber

Die Bomberjacke ist in verschiedenen Materialien gearbeitet. Hier in Strick. Die Taille verschwindet unter Lagen und Lagen von Kleidung. Anders als bei Diesel Black Gold variieren die einzelnen Lagen und Kleidungsstücke aber erheblich in ihrere Dicke. Bei Sacai mischen sich immer wieder transparente Ebenen ein. Wärme ausstrahlende Materialien kontrastieren leichte flatterige Stoffe. Die schlackernden Bänder spielen bei jeder Bewegung ebenfalls um die Körper der Modells herum. Formen und Strukturen, die eigentlich für Festigkeit stehen (die Militärjacken, die Gurte und Bänder), sorgen hier für einen sehr fließenden, beinahe zerfasernden Look.

Es ist nicht immer erkenntlich, wo ein Kleidungsstück aufhört und ein anderes beginnt.

Durchgehend ist die lange, vertikale Linie. Die Röcke sind deutlich länger als bei Diesel, ebenso die Oberteile. Anders als die klare Zweiteilung des Körpers durch Ober- und Unterteil bei Diesel, plustern sich die Looks bei Sacai unterhalb der Taille in mehr und mehr Ebenen auf.

Die Bomberjacke liegt wie ein letzter Versuch, die unteren Stofflagen in Form zu bringen, obendrüber,

sacaigesteppterbomber

oder löst sich selbst in der Verfielfältigung ihrere Bestandteile auf:

sacailammfellschößchen

sacaisteppstoff

Zwischen dern vielen Lagen, den aufgelösten Formen und den fließenden Übergänge zwischen vollständig bekleidet und unbekleidet (die bei Diesel ganz klar gesetzt sind), verlieren die militärischen Jackenformen ihre „Wehrhaftigkeit“ komplett. Insgesamt überwiegt der Eindruck einer zerzausten Verletzlichkeit. Ein Eindruck, der durch den Waschbär-Augen-Effekt des Make-Ups und die durch die streng zurückgenommenen Haare noch verstärkt wird.

Bei Diesel BG hingegen bleibt die toughe Anmutung der Bomberjacke auch in anderen Materialien erhalten. Kick-Ass-Babes dort, luxuriöse Lumpensammlerinnen bei Sacai.