geburtstagskind2015

Der kleine Mann wird fünf!

Und ich bin fassungslos. Wo sind diese fünf Jahre hin? Am Anfang rechnete ich doch noch in Tagen, Wochen, Monaten. Jetzt sind es fünf Jahre.

Fünf Jahre, die weder ruhig, noch entspannt waren. Fünf herausfordernde Jahre. Jedes mal, wenn ich dachte, „jetzt kehrt Ruhe ein“ oder „wir haben dieses Elternding im Griff“, warf uns die nächste Veränderung Knüppel zwischen die Beine.

Fünf wunderbare Jahre an der Hand eines sehr neugierigen, sehr phantasievollen Kindes. Das einem Löcher in den Bauch fragt, bei Rollenspielen selbst die Intonation ansagt. Das auch gerne mal mit Türen knallt. Und einen dann morgens wieder mit „Mama, ich lieb Dich“ weckt.

Ja, kleiner Mann: ich lieb Dich auch. Ich bin glücklich und stolz, Deine Mutter zu sein. Und immer wieder mal damit überfordert.

Es erschreckt mich, wie schnell diese fünf Jahre vergangen sind. Es erschreckt mich, wie viel davon ich schon vergessen habe.

In der Nähe des Alltags fehlt mir manchmal die Distanz zu erkennen, daß er sich schon wieder weiter entwickelt hat. Umso heftiger treffen mich diese Momente, in denen ich auf atemraubende und herzquetschende Art erkennen kann: Wieder erwachsener geworden. Und mit jedem dieser Moment entfernt er sich weiter von diesem schutzlosen Bündel Mensch, das mir die Hebamme, nach gefühlt endlosen Stunden im Aufwachraum, in die Arme legte. Selten, daß ich Wesentliches im Leben so in einem Moment erfaßt habe. Aber in diesem Moment, mit dem von der Geburt gezeichneten Kind im Arm, war mir klar, daß sich das Zentrum meines Universums gerade verschoben hatte.

Vor der Geburt hing mein Wohl und Wehe davon ab, ob jemand meine Ideen oder mich toll fand. Was soll ich sagen: Meinem kleinen Ego tut es erstaunlich gut, nicht mehr die Sonne zu sein, um die alles kreist. Und obwohl das so ist, gehe ich wesentlich entschiedener MEINEN Weg, als ich das je zuvor in meinem Leben getan habe. Seitdem ich Mutter bin, hab ich zwar immer zu wenig Zeit, aber damit auch schlicht keine mehr für kreative Blockaden. Ich laß mich deutlich weniger von mir selbst und anderen verunsichern, wenn es um wesentliche gestalterische Fragen geht (im Job und anderswo).

War mein Leben ohne Kind leichter? Nein! Dafür war ich viel zu gut darin, mir selbst Probleme zu bereiten. Mein Leben war verfügbarer, sicher. Verfügbarer bedeutete aber überhaupt nicht, daß ich es auch produktiv in meinem Sinne nutzte. Wenn ich mir jetzt manchmal wünsche, abends einfach mal faul auf der Couch zu chillen, fallen mir manchmal die vielen Abende ein, die ich mit exzessivem Fernsehgucken zugebracht habe. Oder endlos mit Theaterkollegen in irgendwelchen Kneipen abgehangen habe. Ich war da weder glücklicher, noch hab ich mehr bewirkt in meinem Leben. Ich hatte einfach nur mehr Zeit. Und weil ich viel Zeit hatte, war sie mir nicht viel wert.

Mittlerweile ist jede Minute kostbar.

Jede Minute mit dem Kind, weil wir das, was wir im Moment haben, nie mehr haben werden. Er entwickelt sich weiter, und was er heute noch schön findet oder braucht, wird ihm vielleicht schon bald peinlich sein.

Und jede Minute, die ich ohne Kind habe. Denn es ist immer klar: was Du jetzt nicht machst / schaffst, dafür gibt es keine Garantie, daß Du es später irgendwie erledigen kannst. Trotzdem verwirkliche ich in dieser Zeit, die ich mir jetzt schaffe, die ich jetzt habe, wesentlich mehr als in den Jahren bevor Sohnemann geboren war.

Was mich immer wieder bestürzt: wie schnell mir im Alltag genau dieses Gefühl der Kostbarkeit abhanden kommt. Denn natürlich verdaddel ich auch mal Arbeitszeit bei Twitter oder sonstwo. Und genauso fehlt mir manchmal die Muße, die Geduld, die Aufmerksamkeit, mit dem Kind ganz DA zu sein. Nicht schon die nächste Maschine Wäsche, den nächsten Termin, den nächsten Text vorauszunehmen. Sondern mich einzulassen auf das Spiel, den Augenblick, die Gegenwart, das gemeinsame Erleben.

Je kleiner und schutzloser das Kind, desto leichter läßt man sich auf das bedingungslose Ich & Du ein, das alles Andere zweitrangig werden läßt. Je größer das Kind, desto mehr geben wir dem Druck der Alltagsverrichtungen wieder nach, und ordnen Kind und uns diesem unter. Da die Balance zu finden und vor allem langfristig zu halten, erscheint mir an manchen Tagen unmöglich, an anderen Tagen ist es ganz leicht.

Aber ich werde es ganz sicher auch in den nächsten fünf Jahren versuchen. Auch wenn er dann nicht mehr auf seine morgentlichen Kuschelminuten besteht, nicht darauf, noch mal mit einem Buch unter die Decke zurückzukriechen, um sich vorlesen zu lassen.

Herzlichen Glückwunsch, kleiner Mensch. Ich freue mich auf die nächsten fünf Jahre. Auf das sie sich etwas mehr Zeit lassen.