“Most of the time what we do is what we do most of the time.”

Es gefällt uns im Bekannten. Wir kennen uns aus. Wir machen unseren Job, schmeißen den Haushalt, wuppen das Ehrenamt und lesen sogar ab und an ein gutes Buch. Es läuft.

Unsere Routinen sind notwendig, denn sie geben uns Sicherheit und Souveränität. Meisterschaft erlangt man nur in etwas, was man über lange Zeit mit voller Achtsamkeit wiederholt. Achtsame Praktiken sind also die Grundlage für selbstbestimmtes und effektives Tun.

Doch unsere Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Deshalb schalten wir zwischendrin auf Autopilot. Den Weg zur Arbeit schafft unser Körper fast allein, derweil unser Kopf schon andere Aufgaben löst. Gefahr droht, wenn die Gleichheit der Tage uns einlullt. Wenn sie an uns vorbeiziehen, ohne dass wir sie bewusst erleben.

Es ist diese bequeme Gleichförmigkeit, die uns in dem Zustand, in dem wir sind, konservieren. Experimente erscheinen dann als gefährlich und werden unterlassen. Das Gefühl, das Veränderung möglich ist, kommt abhanden. Aber: So, wie es ist, ist es, weil es so ist. Weil es zu einem bestimmten Zeitpunkt so passte. Weil es sich im gedankenlosen Weiterwurschteln so eingeschliffen hat. Es ist kein Naturgesetz. Warum auch immer es so ist, wie es ist, es ist selten so, wie wir es heute bräuchten.

Es fehlt das Abenteuer, die Überraschung, der Geschmack.

So, wie wir den Routinen unseres Alltags anhängen, haben wir uns auch mit unserem Selbstbild eingerichtet. Wir brauchen das Gefühl eine Essenz zu haben. Häufig aber versammeln unsere Persönlichkeiten ganz widersprüchliche Neigungen. Um deren Fliehkräfte zu bändigen, setzen wir uns selber Grenzen. Manches verbieten wir uns schlicht zu denken. Manches reden wir uns aus. Manches nehmen wir nicht mal mehr wahr. Der Schutzmechanismus aber, der uns stärken sollte, wird zum Selbstläufer, der eingrenzt und schwächt.

Was aber würde möglich, wenn wir unsere Widersprüche als Eckpfosten der eigenen Spielwiese betrachteten und nicht als kaum auszuhaltende Zerreißprobe?

Wir würden aus dem Tritt kommen. Sicherlich. Wir würden wachsen, was schmerzhaft sein kann. Dafür lebten wir ungefilterter.

Wir würden neue Fähigkeiten erlernen, neue Möglichkeiten entdecken. Verbindungen herstellen zu Menschen, zwischen Wissensgebieten, die vorher unerreichbar und unverbunden waren. Wir würden über die Fähigkeit verfügen, all die verrückten Dinge wahr werden zu lassen, die uns das Gefühl geben, tatsächlich zu leben und nicht gelebt zu werden. Vor allem aber, würden wir Erinnerungen und Erfahrungen machen, die uns und unsere Welt nachhaltig auf den Kopf stellen würden.

Auf den Kopf stellen. Man kann das ganz wörtlich nehmen. Wer von uns kann das schon / noch? Sich auf den Kopf stellen? Einfach ist das nicht. Aber es gibt Hilfestellungen. Auf der Turnmatte und im wirklichen Leben.

Wer sich selbst auf den Kopf stellen will, fängt am besten mit etwas an, das sie nachhaltig fasziniert, von dem sie aber überzeugt ist, es nicht zu können.

Wer sich selbst auf den Kopf stellen will, nimmt sich eine Sache vor, die im Innersten grätzt. Umso höher ist die Motivation, die nötige Veränderung zu bewirken.

Wer sich auf den Kopf stellen will, lässt sich auf etwas ein, das nicht Ihrs zu sein scheint.

Sie steigt mit sich selbst in den Ring. Stellt sich kleine Herausforderungen und große. Sie lernt etwas Neues. Sie vertraut ihren Leidenschaften konsequent und sagt den Lustkillern den Kampf an. Sie geht Risiken ein und ergreift Chancen. Sie fühlt sich gemeint.

Ein paar Beispiele:

Ich hielt mich nie für einen Morgenmensch. Aufzustehen aus der Wärme des Betts ist grässlich und ich fröstele mich durch bis zur ersten Tasse Tee. All dies Gerede vom frühen Vogel? Dummes Zeug! Theaterleute sind eben Eulen, keine Lerchen! Dann bekam ich ein Kind. Und plötzlich waren die frühen Morgenstunden die einzige Zeit, ungestört zu schreiben. Zu meiner großen Überraschung stellte sich heraus, dass ich vor neun durchaus Sinnvolles produzieren kann.

Die erste Begegnung mit einer Nähmaschine im Textilunterricht in der achten Klasse fiel so katastrophal aus, dass ich danach felsenfest überzeugt war, nicht nähen zu können. Zwar blieb eine lebenslange Faszination fürs Kleidermachen, aber noch mal an eine Nähmaschine hab ich mich erst vor zwei Jahren getraut. 25!!! Jahre später. Ein fieser Unfall mit einer Nadel und ein paar böse Worte einer Lehrerin, deren Namen ich nicht mal mehr weiß, haben mich ein Vierteljahrhundert von etwas hatte abgehalten, was mir unglaublich viel Freude macht.

Als ich anfangen wollte zu bloggen, war mein hauseigener IT-Experten leider beruflich derartig ausgelastet, dass er keine Kapazitäten mehr für mein Projekt übrig hatte. Also musste ich, bekennende User-Trotteline, die ich bin, da alleine ran. Ich fand ein gutes Buch, nervte einen Bekannten, änderte auf der Höhe meiner Frustration sogar ein Schnipselchen Code – eine Handlung, von der ich befürchtete, sie würde weltweit das Internet zusammenbrechen lassen. Und das Ergebnis ist seit August 2011 online.

Stelle ich mich oft auf den Kopf? Nicht oft genug, würde ich sagen. Ich hab das im Turnunterricht auch nie hinbekommen. Aber: Jedes Mal, wenn ich mich traue, gewinne ich: Erfahrung, Freude, Fähigkeiten, Möglichkeiten, Wissen, Selbstbewusstsein.

Was man braucht, um sich selbst herauszufordern und auf den Kopf zu stellen?

Eine Struktur und eine Verabredung mit sich selbst. Mut, Vertrauen, manchmal Verzweiflung. Entschiedenheit, Spiellaune und Lust. Zu ernst sollte man die eigenen Experimente nicht nehmen: Scheitern muss erlaubt sein.

Wer den Haufen unfertig aufgegebener Kleidungsstücke in meiner Nähkiste kennt, weiß: ich leide unter einer Abschluss-Schwäche. Genau: Ich leide darunter. Ist dieses Leiden kurierbar? Ich könnte mich darauf zurückziehen zu sagen, dass sei ein Persönlichkeitszug. Da könne man nichts dran machen. Das tu ich auch ganz gerne. Stimmt aber nicht. Es ist lediglich das Ergebnis einer bestimmten Handlungsweise. Und die kann man auf den Kopf stellen.

Man sucht sich ein positives Gegenmodell. Und zwar nicht ewig. Man arbeitet mit der Idee, die kommt. Man durchdenkt die Verhaltensänderungen, die das bedeutet. Man gibt sich eine minimale Recherchezeit, und legt dann fünf Handlungsempfehlungen fest, sowie einen Handlungszeitraum. Effektiv? Ab sofort!

Testphase durchziehen. Auswerten. Was funktioniert hat: Beibehalten. Was nicht funktioniert hat, streicht oder ändert man. Und dann beginnt man das Spiel von vorn.

Wer sich von Selbstbild, konventionellem Wissen und gesellschaftlichen Normen nicht gängeln lässt, lebt selbstbestimmter. Ich für meinen Teil bin entschlossen, der beste Closer aller Zeiten zu werden. Schließlich hab ich ja auch nähen gelernt.