(Julia Jochmann als Krähe in SCHNEEKÖNIGIN)

Es ist so weit: vorgestern hatten der junge Mann und ich eine ernsthafte Unterhaltung über Monster: was die so machen, wie groß oder klein sie sind, ob man Angst vor ihnen haben muß … ich hab ihm dann erklärt, daß böse Monster Hände klatschen überhaupt nicht ausstehen können und dementsprechend sofort verschwinden, wenn man das tut. (Jaaa, ich weiß, aber was Besseres fiel mir in dem Moment nicht ein).

Das war eine sehr schräge Unterhaltung, weil er so ernsthaft war und ich irgendwo zwischen Gnickern und seine Bedenken ernst nehmen hing. Aber dann dachte ich mir: „Für die meisten Zivilisten hören sich Probenunterhaltungen vermutlich absolut genauso an. Nur sitzen da erwachsene Menschen und unterhalten sich vollkommen ernsthaft über die Malaisen erfundener Figuren. Gegebenenfalls mit einer Heftigkeit, als hinge ihr Leben davon ab.“

Spiel und Ernst. Ernst und Spiel. Zur Zeit muß ich jeden Nachmittag mit Sohnemann Tiger und Esel spielen. Er ist Tiger, ich bin ein ziemlich müder Esel (in bester Method-Manier nutze ich meinen tatsächlichen Zustand: hundemüde) und dann muß ich aus Duplo-Steinen Häuser, Hochbetten, Garagen, Bootshäuser und andere Orte bauen, an die uns unsere Abenteuer führen. Das hört sich jetzt phantastischer an, als es ist. Denn zur Zeit will ich nachmittags wirklich nur schlafen oder zumindest meine Ruhe haben und der immer höher werden Wäscheberg ist im Wohnzimmer auch nicht zu übersehen. Es ist nicht so, daß es mir immer leicht fiele, mich auf Sohnemanns Spielwelten einzulassen. Aber wenn es mir gelingt, dann sind das unglaublich charmante Aufenthalte.

Am spannendsten finde ich ja, wie behende er auf diesem Grat zwischen Spiel und tatsächlicher Realität turnt. Eben noch mitten im Spiel, fällt er mit so einem vieldeutigen Gesichtsausdruck aus der gerade erspielten Welt und serviert einem die neuesten Kalamitäten aus dem Kindergarten oder zieht Schlüsse, die mich in Erstaunen versetzten.

Klar, manchmal kann ich mich nicht aufraffen, mich auf das xte aus Legos gebaute Geschenk einzulassen, aber dann erinnere ich mich wieder an die alte Improweisheit, daß immer was im Kästchen ist, wenn man das Angebot annehmen kann, und dann findet sich auch mal was anderes als Schokolade oder neue Rennautos.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Parallelen finde ich zwischen ewigen Spielverweigerern beim Improvisieren (und die gibt’s sogar unter fix und fertig ausgebildeten Schauspielern) und beim Spielen mit Kindern. Wer sich hinterfragt, das irgendwie peinlich, kindisch oder sonst wie findet, der hat schon verloren. Oder anders gesagt: der wird nie durch diese magischen Tür gehen, hinter der alles möglich ist.

Meist hält einem beim Improvisieren die Angst zurück, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Weil es immer die Bereitschaft erfordet, auf das Unerwartete einzusteigen. Ich vermute, was uns vom Spielen abhält, sind die tausend und einmkal gehörten Forderungen, doch nun bitte nicht so kindisch zu sein. Sich endlich mal wie ein Erwachsener zu benehmen. Und dabei kann man nirgends die Zukunft so gut vorweg nehmen, wie im Spiel.

Wenn Erwachsenwerden aber bedeutet, daß Spaß jetzt nur noch mit nem Café Latte und dem IPhone im Kaffeehaus zu haben ist, dann will ich nicht erwachsen werden. So gern ich aufgeschäumte Milch mag. Ich hätte nur manchmal gerne eine Mittagspause zwischen Job und Kind betreuen.

Kinder spielen mit dem Vertrauen, aufgefangen zu werden. Erwachsenen schließen aus den wenigen Fällen, in denen sie nicht gefangen wurden, daß spielen sinnlos, ja gar gefährlich ist. Und mit dieser Angst vorm Fallen sind wir kleinzuhalten. Wer darauf vertraut, daß sich das Netzt schon zeigen wird, wenn er springt, ist kaum zu bremsen. Und wer richtet sich die Welt wohl eher nach den eigenen Vorstellungen ein?  – Eben.