Du kannst Dich auf den Kopf stellen!

“Most of the time what we do is what we do most of the time.”

Es gefällt uns im Bekannten. Wir kennen uns aus. Wir machen unseren Job, schmeißen den Haushalt, wuppen das Ehrenamt und lesen sogar ab und an ein gutes Buch. Es läuft.

Unsere Routinen sind notwendig, denn sie geben uns Sicherheit und Souveränität. Meisterschaft erlangt man nur in etwas, was man über lange Zeit mit voller Achtsamkeit wiederholt. Achtsame Praktiken sind also die Grundlage für selbstbestimmtes und effektives Tun.

Doch unsere Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Deshalb schalten wir zwischendrin auf Autopilot. Den Weg zur Arbeit schafft unser Körper fast allein, derweil unser Kopf schon andere Aufgaben löst. Gefahr droht, wenn die Gleichheit der Tage uns einlullt. Wenn sie an uns vorbeiziehen, ohne dass wir sie bewusst erleben.

Es ist diese bequeme Gleichförmigkeit, die uns in dem Zustand, in dem wir sind, konservieren. Experimente erscheinen dann als gefährlich und werden unterlassen. Das Gefühl, das Veränderung möglich ist, kommt abhanden. Aber: So, wie es ist, ist es, weil es so ist. Weil es zu einem bestimmten Zeitpunkt so passte. Weil es sich im gedankenlosen Weiterwurschteln so eingeschliffen hat. Es ist kein Naturgesetz. Warum auch immer es so ist, wie es ist, es ist selten so, wie wir es heute bräuchten.

Es fehlt das Abenteuer, die Überraschung, der Geschmack.

So, wie wir den Routinen unseres Alltags anhängen, haben wir uns auch mit unserem Selbstbild eingerichtet. Wir brauchen das Gefühl eine Essenz zu haben. Häufig aber versammeln unsere Persönlichkeiten ganz widersprüchliche Neigungen. Um deren Fliehkräfte zu bändigen, setzen wir uns selber Grenzen. Manches verbieten wir uns schlicht zu denken. Manches reden wir uns aus. Manches nehmen wir nicht mal mehr wahr. Der Schutzmechanismus aber, der uns stärken sollte, wird zum Selbstläufer, der eingrenzt und schwächt.

Was aber würde möglich, wenn wir unsere Widersprüche als Eckpfosten der eigenen Spielwiese betrachteten und nicht als kaum auszuhaltende Zerreißprobe?

Wir würden aus dem Tritt kommen. Sicherlich. Wir würden wachsen, was schmerzhaft sein kann. Dafür lebten wir ungefilterter.

Wir würden neue Fähigkeiten erlernen, neue Möglichkeiten entdecken. Verbindungen herstellen zu Menschen, zwischen Wissensgebieten, die vorher unerreichbar und unverbunden waren. Wir würden über die Fähigkeit verfügen, all die verrückten Dinge wahr werden zu lassen, die uns das Gefühl geben, tatsächlich zu leben und nicht gelebt zu werden. Vor allem aber, würden wir Erinnerungen und Erfahrungen machen, die uns und unsere Welt nachhaltig auf den Kopf stellen würden.

Auf den Kopf stellen. Man kann das ganz wörtlich nehmen. Wer von uns kann das schon / noch? Sich auf den Kopf stellen? Einfach ist das nicht. Aber es gibt Hilfestellungen. Auf der Turnmatte und im wirklichen Leben.

Wer sich selbst auf den Kopf stellen will, fängt am besten mit etwas an, das sie nachhaltig fasziniert, von dem sie aber überzeugt ist, es nicht zu können.

Wer sich selbst auf den Kopf stellen will, nimmt sich eine Sache vor, die im Innersten grätzt. Umso höher ist die Motivation, die nötige Veränderung zu bewirken.

Wer sich auf den Kopf stellen will, lässt sich auf etwas ein, das nicht Ihrs zu sein scheint.

Sie steigt mit sich selbst in den Ring. Stellt sich kleine Herausforderungen und große. Sie lernt etwas Neues. Sie vertraut ihren Leidenschaften konsequent und sagt den Lustkillern den Kampf an. Sie geht Risiken ein und ergreift Chancen. Sie fühlt sich gemeint.

Ein paar Beispiele:

Ich hielt mich nie für einen Morgenmensch. Aufzustehen aus der Wärme des Betts ist grässlich und ich fröstele mich durch bis zur ersten Tasse Tee. All dies Gerede vom frühen Vogel? Dummes Zeug! Theaterleute sind eben Eulen, keine Lerchen! Dann bekam ich ein Kind. Und plötzlich waren die frühen Morgenstunden die einzige Zeit, ungestört zu schreiben. Zu meiner großen Überraschung stellte sich heraus, dass ich vor neun durchaus Sinnvolles produzieren kann.

Die erste Begegnung mit einer Nähmaschine im Textilunterricht in der achten Klasse fiel so katastrophal aus, dass ich danach felsenfest überzeugt war, nicht nähen zu können. Zwar blieb eine lebenslange Faszination fürs Kleidermachen, aber noch mal an eine Nähmaschine hab ich mich erst vor zwei Jahren getraut. 25!!! Jahre später. Ein fieser Unfall mit einer Nadel und ein paar böse Worte einer Lehrerin, deren Namen ich nicht mal mehr weiß, haben mich ein Vierteljahrhundert von etwas hatte abgehalten, was mir unglaublich viel Freude macht.

Als ich anfangen wollte zu bloggen, war mein hauseigener IT-Experten leider beruflich derartig ausgelastet, dass er keine Kapazitäten mehr für mein Projekt übrig hatte. Also musste ich, bekennende User-Trotteline, die ich bin, da alleine ran. Ich fand ein gutes Buch, nervte einen Bekannten, änderte auf der Höhe meiner Frustration sogar ein Schnipselchen Code – eine Handlung, von der ich befürchtete, sie würde weltweit das Internet zusammenbrechen lassen. Und das Ergebnis ist seit August 2011 online.

Stelle ich mich oft auf den Kopf? Nicht oft genug, würde ich sagen. Ich hab das im Turnunterricht auch nie hinbekommen. Aber: Jedes Mal, wenn ich mich traue, gewinne ich: Erfahrung, Freude, Fähigkeiten, Möglichkeiten, Wissen, Selbstbewusstsein.

Was man braucht, um sich selbst herauszufordern und auf den Kopf zu stellen?

Eine Struktur und eine Verabredung mit sich selbst. Mut, Vertrauen, manchmal Verzweiflung. Entschiedenheit, Spiellaune und Lust. Zu ernst sollte man die eigenen Experimente nicht nehmen: Scheitern muss erlaubt sein.

Wer den Haufen unfertig aufgegebener Kleidungsstücke in meiner Nähkiste kennt, weiß: ich leide unter einer Abschluss-Schwäche. Genau: Ich leide darunter. Ist dieses Leiden kurierbar? Ich könnte mich darauf zurückziehen zu sagen, dass sei ein Persönlichkeitszug. Da könne man nichts dran machen. Das tu ich auch ganz gerne. Stimmt aber nicht. Es ist lediglich das Ergebnis einer bestimmten Handlungsweise. Und die kann man auf den Kopf stellen.

Man sucht sich ein positives Gegenmodell. Und zwar nicht ewig. Man arbeitet mit der Idee, die kommt. Man durchdenkt die Verhaltensänderungen, die das bedeutet. Man gibt sich eine minimale Recherchezeit, und legt dann fünf Handlungsempfehlungen fest, sowie einen Handlungszeitraum. Effektiv? Ab sofort!

Testphase durchziehen. Auswerten. Was funktioniert hat: Beibehalten. Was nicht funktioniert hat, streicht oder ändert man. Und dann beginnt man das Spiel von vorn.

Wer sich von Selbstbild, konventionellem Wissen und gesellschaftlichen Normen nicht gängeln lässt, lebt selbstbestimmter. Ich für meinen Teil bin entschlossen, der beste Closer aller Zeiten zu werden. Schließlich hab ich ja auch nähen gelernt.

Ehre, was ist

Im Moment passiert gerade viel Leben. Eineinhalb Berufstätige plus ein ausgesprochen eigensinniger fast Dreijähriger versuchen sich neu einzuspielen. Gar nicht so einfach. Und das ist die Untertreibung des Jahres. Ich hatte schon Morgende, da bin ich heulend zur Arbeit gefahren, nachdem ich ein ebenfalls heulendes Kind im Kindergarten abgegeben hatte. Und ich hole so gut wie jeden Tag ein auf 180 Sachen hochgeschraubten kleinen Mann von da ab. Effekt des Ganzen ist unter anderem, daß ich abends nur noch auf die Couch will.

Was auch nicht stimmt. Eigentlich will ich schon mittags auf die Couch. Und noch eigentlicher will ich gar nicht auf die Couch, sondern ans Schreiben, zumindest an die Nähmaschine. Aber ich bin völlig erschlgen und wenn ich doch mal den Rechner anmache, pinne ich mir allerhöchstens zum Hohn ein paar schöne Bildchen auf Pinterest.

Nun liegt meine Kreativität nicht komplett brach, dann könnt ich mich vielleicht doch eher aufraffen. Aber ich hab die letzten Wochen auch damit verbracht, allerlei work-shops und Kurse zu konzipieren. Außerdem muß ich mich in ein völlig neues Fachgebiet und ganz neue Strukturen einarbeiten. Was alles keine Herkules-Aufgaben sind, aber erstaunlicherweise mehr Kräfte rauben, als ich erwartet hatte. In völliger Selbstüberschätzung (mal wieder!) dachte ich mir so: Naja, 25 Stunden, das ist doch nix. Bullshit.

Es verlangt nen ganz anderen Tagesablauf und wirft das nie wirklich eingependelte System zwischen Kreativen Eigenprojekten, Mutter sein und meinen Teil der Hausarbeit wuppen vollkommen über den Haufen. Ich nehme an, ich bin damit nicht allein. Bele z.B. hatte mich vorgewarnt.

Und wenn ich an diesem meinen blog denke, dann hab ich sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich seit Januar nichts Genähtes mehr zu zeigen hatte und in letzter Zeit meine Worte fast ganz versiegten.

Was einerseits daran liegt, daß an der DIY Front gerade bis auf Brotbacken und den überwiegenden Teil der Abende selbst kochen nichts passiert. Und andererseits dadurch bedingt ist, daß mein Arbeitsspeicher gerade so mit fachlichen Dingen belegt ist, daß ich manchmal wie blind und taub durch meinen Resttag taumle und von wahrnehmen und achtsam sein und damit Futter zum drüber schreiben kaum die Rede sein kann.

Paradoxerweise fällt es mir aber überhaupt nicht schwer, meinem inneren task-master beständig neue Worte in den Mund zu legen. Eigentlich rede ich mit mir selbst nur noch in DU SOLLTEST und DU MUSST. Gerade jetzt müßte ich z.B. dringend Sohnemanns total verschlammte Winterstiefel saubermachen und noch mindestens Bad und Eßzimmer wischen. Was beides wohl nicht mehr passieren wird und damit ordentlich Munition bietet für den Selbstbeschuß.

Als ich mich heute an meinem freien Tag schon wieder dumm anmachen wollte von wegen: WAS HAST DU EIGENTLICH MIT DEINEM VORMITTAG GEMACHT? fiel mir dieser Yogi-Tee-Spruch ein: Ehre, was ist.

Toll, dachte ich. Genau was ich jetzt brauche. Nicht nur steigt kein Dschin aus meiner Teekanne, sondern ich krieg auch noch so ein Blatt zugespielt. Ehre, was ist. Super: Durcheinander aller Orten, eine anklagend an der Tür hängende noch immer unfertige Bluse, eine ungeduldige, hungrige Mutter und ein geschaffter kleiner Mensch, der nicht weiß wohin mit der Anspannung seines Tags. Wie bitte soll ich das denn ehren?

Eine Tasse Chai-Tee und eine halbe Rosinenschnecke später war ich zumindest in der Lage, mal die Erwartungen und Selbstanforderungen in meinem Kopf so weit auszuschalten, daß ich meine Lage halbwegs objektiv begucken konnte. Veränderungen sind messy. Sie sind nicht besonders bequem. Und sie brauchen Zeit. Aber sie sind die Momente, an denen wir uns neu kalibirieren.

Ich bin im Moment nicht so energiegeladen, daß ich meinen Tagesablauf durchziehen und abends dann zu kreativer Höchstform auflaufen könnte (was auch an der seit drei Wochen anhaltenden Grippe liegen mag). Meine beste Nähzeit ist sowieso der Vormittag. Schreiben geht manchmal auch in müde. Aber nicht in müde und unausgedacht. Ich brauch mittags genauso meine Zeit, um runter zu kommen, wie der kleine Mann sie braucht. Das ist nicht ideal, aber es ist so. Und es wird nicht besser, wenn ich mir jeden Tag sage, daß das doch wohl eigentlich gar nicht sein kann.

Ehre, was ist heißt anzuerkennen, daß ich nicht alles so kann, wie ich mir das gerne wünsche. Das ich z.B. wesentlich mehr Zeit für mich brauche als angenommen, um ausgeglichen zu sein. Es heißt aber auch, den Bedürfnissen, die zur Zeit zu kurz kommen, immer wieder Gehör zu geben und sich dann selbstdisziplinierend vom Sofa zu erheben, um doch noch eine oder zwei Stunden was zu tun.

Für diese Woche nehme ich erstmal aus meinem kurzen Erleuchtungsmoment mit, meinem Zensor Mäßigung zu befehlen, wenn er sich meldet und wieder mehr im Augenblick als in den Debatten in meinem Kopf zu sein.

 

Auf den Kopf stellen

Am FREITAG!!!! erscheint der dritten und letzte Teil meines Buchs WINTERVERGNÜGEN. Zur Einstimmung hier die Begrüßung und der Hinweis, daß es diesen letzten Teil bis Samstag, 02.02.2013, 24 Uhr für 7 € bei mir zu bestellen gibt. Danach kann man das Buch natürlich auch immer noch kaufen. Allerdings gilt dann wieder der reguläre Preis.

 

Februar. Ein Monat der mir sonst durchgeht. Es ist lange genug dunkel und kalt gewesen. Deshalb hab ich keine Lust mehr auf Schal und Handschuhe und Winterstiefel. Ich will Sonnenschein und Tulpenblüte.

Aber es ist noch nicht soweit. Ist erst Februar. Manchmal frage ich mich, ob er deshalb nur 28, manchmal 29 Tage hat? Weil wir ihn länger nicht ertragen würden. Wenn mir als nüchterner Niedersächsin auch die organisierte Form von Massenfröhlichkeit im Karneval fremd ist, kann ich doch vollkommen nachvollziehen, daß man dem Winter mit Krach, Radau und Geistermasken den Weg zur Tür raus weisen will. Ist es wirklich immer noch Winter? Ja. Erst Februar.

Vielleicht haben die Blumenhändler auch deshalb den Heiligen Valentin ausgesucht: Jede Ablenkung ist recht. Ist es wirklich erst Februar?

Wartet man im Dezember sehnsüchtig auf den ersten Schnee, hat man im Februar für Neuschnee keinen Sinn mehr. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel.

Was macht man also mit diesem ewigen Zweiten, in dem man vielleicht schon realisiert hat, daß man nicht alle guten Vorsätze halten kann? Man stellt sich und seine Welt auf den Kopf.

Ehe der Jahresanfangsschwung ganz verloren ist: Erklären wir den Februar zum Experiment. Er ist eh viel zu kurz, um ihn ernst zu nehmen. Wie wär’s? Wir fordern uns heraus. Wir gewöhnen uns um. Wir probieren ein neues Ich. Wir nehmen unsere Januarpläne und machen Ernst mit den Veränderungen.

Was der Februar vor allem lehrt? Alles, was wert ist, getan zu werden, wird man trotzdem tun müssen. Trotz der wintermüden, graugelaunten, frostgebeutelten Stimmung. Trotz der Schneewehen und der Eisglätte. Trotz der geplatzten Resolutionen und des schwindenden Optimismus. Obwohl von Krokussen noch keine Spur und Frühling nur eine vage Verheißung ist. Wer aufbrechen will, muß es trotzdem tun. Auch, wenn er sich dafür auf den Kopf stellen muß.

In diesem Sinne: Trotzdem viel Vergnügen.