Tellerrock-Taufe in Trouville (RUMS)

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Für einen einfachen Tellerrock (ganzer Teller) war es eine lange Produktionszeit.

Alles begann mit einem Berlin-Besuch von Frau Drehumdiebolzeningenieur und der Maxima-Ausgabe der Knipp.

Halb scherzend hatte ich die Ingenieurin gebeten, mir einen weißgrundigen Blumenstoff vom Maybach-Ufer mitzubringen. Sie fand diese japanischen Blüten auf leichter Baumwolle für mich. Herzlichen Dank noch mal dafür.

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In der Maxima-Knip hatte es mir das Schößchen-Top angetan. Ich glich den Schnitt mit einem Oberteilschnitt ab, den ich gerade genäht hatte, änderte ein bißchen was und schnitt frohgemut den Blümchenstoff zu. Es wurde beinahe ein Teil für die Tonne. Den Rücken konnte ich retten. Ich änderte den Plan. Ein Kleid mit engem Oberteil und Tellerock sollte es nun werden.

Tellerrock und Oberteil wurden erstellt. Beim Zusammensetzen überzeugten mich Blümchen all over überhaupt nicht. Es wurde Herbst. Die Teile wanderten in die Kiste.

Zum Spring Style-Along kramte ich beides wieder vor, beschloß, das Oberteil zu vergessen und den gefütterten Rock zu retten. Es brauchte dann noch einige Wochen, aber kurz vor dem Urlaub war der Tellerrock endlich fertig.

Tellerrock

(P.S.: Up close sieht der Stoff von dem Prada-Jackett eher schäbbig aus.)

Gestern habe ich ihn zum ersten Mal ausgetragen. Beim Bummeln durch Deauville. Der Mann hatte den Auftrag, Fotos zu machen. Das ging irgendwie schief. Daher nur zwei Bilder. Auf denen kann frau ahnen, wie der Rock im Wind fliegt. Ich brauche mich gar nicht wie Marilyn auf einen Lüftungsschacht stellen. Eine Steife Brise reicht völlig. Zum Glück fliegt aber nur der Oberstoff. Das Futter sorgt für ein Minimum an Bedeckung. Sehr ungewohntes Tragegefühl.

Tellerrock

Nach Bummel und obligatorischem Crêpes-Essen am Hafen von Trouville, mußte das Kind natürlich noch an den Strand und ins Meer trotz aufziehendem Sturm.

Tellerrock

Erst die nette Dame vom poste de secours, die uns unmißverständlich auf das nahende Gewitter aufmerksam machte, ließ den Sohnemann einsehen, dass es besser wäre, sich beim Anziehen zu beeilen. Wir hätten uns das Anziehen schlicht sparen und in Badeklamotten zum Auto zurücklaufen sollen. So erwischte uns der einsetzende Sturm voll. Alle drei klatschnass. Am nassesten, schien mir, mein neuer Rock. Der nun gar nicht mehr fröhlich im Wind flatterte, sondern schwer an meinen Beinen klebte.

Ich betrachte ihn damit für offiziell getauft. Vielleicht auf Misaki Trouville?

Welche Geschichten hinter anderen selbstgenähten Kleidungsstücken stecken, lest Ihr heute hier bei RUMS.

 

RUMS – Prachtröckchen mit Bürzelfalte

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Ich hatte schon das Portemonnaie gezückt, um die Stoffe zube zahlen, die auf dem Thresen lagen, als mich an der Wand hinter der Kasse dieser Brokat anblitzte. Nicht wirklich mein Farbschema. Aber als ich ihn dann ausgerollt vor mir sah, mußte ich ein Stück davon haben. Es wurde der teuerste halbe Meter, den ich je gekauft habe.

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Bei so teurem Stoff und vor allem einem so komplexen Muster wollte ich keinen Verschnitt. Vier tiefe Falten sollten den Stoff auf Taillenweite bändigen. Letztlich bin ich nach viel Stecken, Heften und Probieren am Vorderteil doch zu Abnähern übergegangen. Die Seiten formen ebenfalls kleine Abnäher. Hinten aber blieben die beiden tiefen Falten, die im Nähkränzchen Bürzelfalten getauft worden. Macht mir gar nichts! Ich liebe meinen neuen Rock – und sollte ich darin wie Daisy Duck aussehen, kann ich sehr gut damit leben. 😉

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Das Wasserfall-Shirt ist das vierte seiner Art diesen Sommer. Es ist eine Mutation des Dodo-Kleides. Und ein weiteres Teilchen, das ich eigentlich schon im Rahmen des Spring-Style-Alongs fertig haben wollte.

Nun habe ich ein weiteres wunderbares Outfit, in dem ich im Frankreich-Urlaub sicher viel Spaß haben werde.

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Stoff (Rock): Brokat, Arts in Fabrics
Stoff (Shirt): schwerer Jersey, Der Rote Faden
Schnitt (Rock): selbstdrapiert
Schnitt (Shirt): Burda mit Veränderungen

Viele andere sommer-fröhliche Kleidungsstücke finden sich heute hier.

Kopf UND Herz!

Immer wieder spannend, wie manche Überlegungen quer durch die Näh-Blogosphere gleichzeitig an mehreren Orten hochblubbern. Hier z.B. bei Sewing Galaxy und bei La Couceuse. Im angloamerikanischen Sprachraum lief die Diskussion vor einer Weile unter cake versus frosting.

Ich nähe jetzt seit 4 Jahren intensiv. Das, was mich am Anfang antrieb – möglichst schnell meinen Kleiderschrank mit Kleidungsstücken zu füllen, die mir paßten, gefielen, dem Level entsprachen, auf dem ich mich  vor der Schwangerschaft und mit festem Einkommen gekleidet hatte, aber eben nicht so teuer waren – hat sich zunehmens verflüchtigt.

Von Oberteilen und taillenkurzen Strickjacken mal abgesehen, ist mein Kleiderschrank mittlerweile wieder so bestückt, dass ich mich anziehen kann ohne jeden Morgen die Krise zu kriegen. Sogar zu den nur gelegentlich auftauchende festlichen Gelegenheiten kann ich unter verschiedenen Kleidungsstücken wählen.

Ein gewisser Grad an Sättigung ist erreicht. Damit steigen die eh schon nicht geringen Anforderungen, die ich an meine selbstgemachte Kleidung stelle, erneut. Alles, worauf ich mich jetzt einlasse, WILL ich haben. Und weil ich es haben will, trage ich es dann auch, wenn es fertig ist, vorausgesetzt, ich hab die Paßform nicht versemmelt.

Es gibt in meinem Kleiderschrank keine Kleidungsstücke, die ich nicht trage, weil sie nicht zu meinem Leben passen. Hell, ich will ein Abendkleid nähen und tragen, hab aber keinen Anlaß dazu? Dann veranstalte ich einen Ball. Ich liebe Cocktailkleider, aber die Einladungen dafür bleiben aus? Dann schmeisse ich halt selbst eine Cocktail-Party.

Ich lebe in der südwestfälischen Provinz. Bis jetzt haben nicht mal die vernähten Wax-Prints unter meinen nichtnähenden Mitmenschen für außergewöhnliche Reaktionen gesorgt. Offensichtlich ist es also nicht so, dass wax-prints nicht zu meinem Leben passen. Ich werde jedenfalls nicht darauf hingewiesen.

Beruflich treibe ich mich in Bereichen herum, die wenn überhaupt eher die Anforderung stellen, mich möglichst individuell zu kleiden. Ich trage an den meisten Tagen genau das, worauf ICH LUST habe und mache mir nur an wenigen Tagen ernstzunehmende Gedanken darüber, was ich tragen SOLLTE und wie die jeweilige Klamotte wirken könnte / muss. Privilegiert, ich weiß.

Materialien, die tatsächlich nicht zu meinem Leben passen – weil ich zu faul bin, mit der Hand zu waschen und kein Poly auf der Haut mag – kaufe ich nicht mehr.  Egal wie schön der Druck ist. Ich trage meinen Bleistiftrock aus teurem Jacquard aber nicht nur zum Messebesuch, sondern auch an einem reinen home-office-Tag. Weil ich mich darin mag und gut fühle.

Mit anderen Worten: das Feld der Kleidungsstücke, die zu meinem Leben passen, ist ziemlich weit gesteckt. Auch und vielleicht vor allem, weil ich das so sehe.

Ich hab mich seit meiner Teenager-Zeit daran gerieben, dass die Kleidung, von der ich träumte, nicht verfügbar war (oder nicht bezahlbar). Und nun, da der Druck weg ist, schlicht was zum Anziehen zu brauchen, tritt wieder der Wunsch in den Vordergrund, besondere Dinge zu tragen, ergo sie zu nähen. Ausgefallene Stoffe zu verarbeiten. 60s Schnitte für mich zu adaptieren. Mich von verschiedenen Quellen und Bildern in meinem Kopf inspirieren zu lassen, ein Kleidungsstück von der ersten Idee bis zur letzten Umsetzung völlig selbständig zu produzieren.

Und immer begleitet mich dabei ein bestimmtes „Inszenierungskonzept“ (die Regisseurin in mir kann wohl nicht anders). Für jede Jahreszeit habe ich eine generelle Stimmung im Kopf, die ich mit den dann genähten Kleidungsstücken umzusetzen versuche. Ausgehend von der jeweils fixen Idee, an die ich mein Herz verloren habe, versuche ich zunehmend methodischer (siehe Spring Style-Along) deren Realisierung.

Klar schießt da ab und zu ein Teil dazwischen, das jetzt gerade sein muss. Das nervt den Orga-Freak in mir, aber mittlerweile weiß ich: Diese Sturm und Drang-Teile haben genauso das Potential, heißgeliebt zu Tode getragen zu werden.

Aus meiner Perspektive sind Kopf und Herz beim Nähen keine Widersprüche. Wenn uns nach einer rein pragmatischen Garderobe wäre, würden wir zur Jeans- und Outdoorjacken-Fraktion gehören. Wir nähen aber, weil wir durch die gestalterischen Fähigkeiten, die sich damit auftuen, etwas (über uns) erzählen wollen. Im Tragen etwas erleben wollen. Wir hätten gerne etwas von dieser zen-artigen Aura, die manche japanische Schnittmuster umgibt. Oder aber deren Mädchenhaftigkeit. Wir nähen, weil es einen inneren Absicht dazu gibt.

Eine bedarfsorientierte Nähstrategie, die extrem praktische Teile hervorbringt, die wir nicht lieben, führt genauso zu Schrankleichen, wie eine komplett fantasiebasierte Nähstrategie, die nur Teile hervorbringt, die frau an genau 16 Stunden im Jahr tragen kann.

Die Kunst besteht darin, die „Verrücktheiten“, an die wir unser Herz verlieren, in alltagstaugliche Formen zu übersetzen. Die gedachte Polarität zwischen Sollen und Wollen zu überwinden und uns genau die Teile zu nähen, die uns das Herz und den Alltag wärmen. Eine gestalterische Herausforderung, klar. Aber genau das ist doch die Lust an der Sache, non?