Herbst / Winter – Ein eigensinniger Style-Guide

Sollen / dürfen wir schon über Herbst und Winter-Garderobe reden?

Machen wir jetzt einfach mal. Wird schon nicht den Altweibersommer komplett vergraulen.

Okay, also: Winter is coming. Höchste Zeit, Näh-Pläne zu schmieden. Und zwar solche, die in genähten und heißgeliebten, einzigartigen Kleidungsstücken resultieren. Kann ja nicht so schwer sein, oder?

Ähem. Die Antwort darauf ist Nein. Und ja. Denn es gibt durchaus ein paar Stolperfallen. Überambitioniertheit ist eine. Perfektionismus ist eine andere. Und dann wären da noch Ungeduld und ein gewisses Sicherheitsbestreben. Meist treten diese Hindernisse als Parcours an. Wozu gelegentlich auch noch das Leben kommt. Gegen das kann ich hier nicht antreten. Gegen alle anderen Widersacher hilft ein bewährter Prozess. Wie genau der für Euch aussehen kann, müsst Ihr selbst ausprobieren. Im Folgenden gibt’s einen Duchlauf durch mein Prozedere.

Also: Follow me!

1. Some Soul-Searching

Um nicht in die Saisonwechsel-Konsumfalle zu tappen, bitte keine aktuellen Magazine kaufen, einschlägige Websites aufsuchen, Schnittmuster-Kataloge wälzen und Ähnliches tun. Sonst hat frau schnell drölfzig Ideen anderer im Kopf, denen sie nachjagt. (Ich kenn das nur zu gut!) Statt dessen hört frau besser in sich rein:

Welche Kriterien lege ich an meine selbstgenähten Kleidungsstücke an? Hat sich da etwas verändert in den letzten Monaten?

Jede von uns hat eigene Maßstäbe, die sie in ihrer selbstgemachten Gaderobe verwirklichen will. Im Eifer des Gefechts rutschen die schon mal aus dem Gedächtnis. In dem eine sich der selbstgesetzten Limits erinnert, schafft sie Konzentration und erleichtert sich die Auswahl.

Allerdings verändern diese Kriterien sich mit der Zeit. Weshalb es Sinn macht, nochmal nachzudenken und ggf. zu modifizieren.

Was ist für mich in Herbst und Winter unverzichtbar?

Die Antworten auf diese Frage geben den Rahmen vor, innerhalb dessen die Nähentscheidungen für die Saison fallen.

Als Beispiel:

Unverzichtbar für mich sind in Herbst und Winter Wärme, Kuscheligkeit, Farbe und Glamour.

Sollte ich mich also Hals über Kopf in eine Kombination aus tiefdekolltiertem, semi-transparenten Spitzenkleid und Glencheck-Mäntelchen verlieben, zeigten meine Kriterien an, dass ich entweder ein Thermofutter in das Kleidchen nähen sollte , über eine Modifikation der Idee nachdenken muß oder aber sie für den Frühling aufhebe.

Was habe ich vor in den kalten Monaten?

Die Frage ist sowohl rein faktisch zu verstehen, als auch metaphorisch.

Wer ausgiebig Wintersport betreiben wird, wird andere Kleidungsstücke nähen müssen / wollen, als eine, die vor hat, bis Januar ihr erstes Drehbuch fertig zu schreiben oder  die alle vier Tage auf kalten, zugigen Baustellen vorbei gucken muß.

Abgesehen von diesen faktischen Vorhaben, was ist Eure Fantasie von den kommenden Monaten? Seht Ihr Euch im Herbstwind Drachen steigen lassen und durch verschneite Wälder stapfen? Seht Ihr Euch von Festlichkeit zu Festlichkeit schwelgen?

Wie will ich mich fühlen?

In welche Gefühlslage(n) sollen Eure Kleider Euch verhelfen?  Sollen sie gegen den Winterblues helfen oder die ruhige, dunkle Zeit betonen?

Welche Bilder schweben in Eurem Kopf herum?

Hat was mit den angesprochenen Fantasien zu tun. Nennt es Mood oder Thema oder wie Ihr mögt: welche Bilder spuken in Eurem Kopf, wenn Ihr versucht, Euren perfekten Winter zu beschreiben? Seht Ihr Euch Anna Karenina ähnlich im dicksten russischen Schneetreiben? Oder 70s Jet-Set mäßig in Cortina d’Ampezzo? Rennt ihr gar mit Ronja Räubertochter durch nordische Wälder?

Spürt den einzelnen Bildern nach.

Welche Kleidungsstücke, welche Materialien und Farben, welche Verarbeitungsideen ergeben sich aus Euren Kopfbildern? Jetzt ist freies Assoziieren gefragt. Fröhliches Brainstormen. Wildes Wunschdenken. Sammelt, was Euch in den Kopf kommt. Nehmt Euch einmal Zeit für ein erste Sammel-Session und dann hängt das Ergebnis gut sichtbar auf und ergänzt es in den nächsten Tagen.

2. Realitäts-Check

Nach der träumerischen Vorarbeit geht’s jetzt um die textilen und sonstigen Tatsachen:

Was brauche ich für mein Leben?

Welche textilen Anforderungen stellt Eurer Leben, Eure verschiedenen Funktionen, Rollen, Aufgaben an Eure Kleidung? Was braucht Ihr, um Euren beruflichen Alltag zu stemmen? Was braucht Ihr für Euer privates Leben?

Wer in einer Bank arbeitet, hat es mit deutlich rigideren und klareren Berufskleidervorschriften zu tun, als eine, die im sozialen Bereich unterwegs ist. Wer bei Wind und Wetter pro Tag dreimal mit dem Hund raus muss, stellt andere Anforderungen an Jacken, Mäntel, Hosen und Schuhe, als eine, die trockenen Fusses von der Haustür zum Auto und vom Auto zum Arbeitsplatz gehen kann.

Sinnvoll ist es, diese Anforderungen in eine Stückliste zu verarbeiten. Das sorgt für Überblick.

Bestandsaufnahme

Welche der Dinge, die ich brauche, habe ich bereits? Müssen davon welche ersetzt oder ergänzt werden? Welche Dinge, die ich habe, passen aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zu mir? Wo sind die offensichtlichen Lücken in meiner Garderobe?

Im Resultat führt das zu einigen Eintragungen in die Stückliste und zu mindestens einer Tüte mit aussortierten Kleidungsstücken.

Was habe ich im letzten Herbst und Winter häufig getragen, weil ich mich darin wohlgefühlt habe?

Manche Dinge trägt frau oft, weil’s keine Alternative zu ihnen gibt. Andere, und um die geht es hier, weil frau sich darin ungemein wohl fühlt! Die Lieblings-Outfits der letzten Saison anziehen und sich klar werden, was einem daran so gefallen hat. Diese Qualitäten helfen im nächsten Schritt bei der Auswahl.

Was ist in meinem Stofflager?

Bevor der kreative Motor heiß läuft und die Finger trigger-happy neue Stoffe ordern, bitte das Stofflager durchsehen und die Stoffe rauslegen, die ansprechen für die kommende Saison. Dabei werden sicherlich auch die Lücken offenbahr werden. Notizen machen.

Wie viel hab ich in der letzten Herbst / Winter Saison genäht?

Wenn sich die Nähgewohnheiten und Lebensumstände nicht drastisch verändert haben, ist das ein guter Indikator dafür, wie viele Teile realisierbar sind.

3. Synthese

Die Stückliste neben die Ideensammlung aus Schritt 1 legen und zwar in Sichtweite der vorhandene Materialien. Und dann Kombinationen bauen.

Ich habe z.B. das Bild eines nebelverhangenen Nadelwaldes im Kopf, über das ich bei den Elbenumhängen aus dem Herrn der Ringe gelandet bin. Die haben große Kaputzen und eine Silberfibel als Verschluss. Ich brauche eine Regenjacke. Die könnte also elbisch inspiriert sein. Ich übernehme die Verschlußidee und die große Kaputze und kombiniere diese vielleicht mit einem Parkaschnitt, den ich immer mal wieder beäuge. Gearbeitet wird mit einer Funktionstextilie, die ich noch besorgen muß.

Die so herausgearbeiteten Ideen für Kleidungsstücke kommen auf eine Liste.

Vermutlich wird das eine sehr sehr lange Liste werden. Eine, die frau unmöglich in einer Saison abarbeiten können wird.

Also noch einmal die Anzahl der in der letzten Saison genähten Kleidungsstücke konsultieren und radikal kürzen. Dabei darauf achten, die Lückenfüller auf der Liste zu behalten und lieber ein Sahneteilchen zu streichen. Besonders darauf achten, dass sich nicht lauter Solisten in die Liste schleichen, sondern dass Teile auf der Liste stehen, die verschiedene andere miteinander verbinden können.

Diese Masterliste gut sichtbar aufhängen und ein paar Tage drüber schlafen. Danach gegebenenfalls korrigieren.

Mit der Masterliste kann’s dann gezielt an Stoff- und Schnittrecherche gehen.

Klingt nach Arbeit? Sicher, ein bißchen Fleiß und Gedankenschmalz ist schon gefragt. Vor allem aber jede Menge kreative Spinnerei. Wer sich so systematisch durcharbeitet, hat am Ende eine wirklich einzigartige, nämlich ihre ganz eigene Auswahl getroffen. Und darum nähen wir letztlich doch, oder?

Über den Dächern – Nähstudioporn

studioeingang

Es verblüfft mich immer wieder wie lange etwas nicht getan werden kann, um dann in relativ kurzer Zeit erledigt zu werden. Zwei Jahre lang rumüberlegt, ein Wochenende geklotzt.

Mein Nähzimmer ist endlich fertig! Ein paar Kleinigkeiten und Detaillösungen fehlen noch, aber ich kann darin arbeiten. Yeah!

studio_nähtisch

Alle Materialien sind endlich an EINEM Ort und haben ihren PLATZ. Es ist aufgeräumt, ich muß nichts mehr suchen und wenn ich aufhöre zu arbeiten, kann ich einfach alles stehen und liegen lassen. Ein eigenes Nähzimmer! Das Paradies stelle ich mir so ähnlich vor.

Die letzten vier Jahre lagerten meine Stoffe, Schnitte, Bücher, die Maschine überall im Haus. Immer da, wo gerade noch ein Plätzchen frei wahr. Genäht und zugeschnitten habe ich meistens am Eßzimmertisch, bei Eßzimmerbeleuchtung. Resultat? Rückenschmerzen nach langem Zuschneiden und zunehmend Kopfschmerzen an dunklen Nähabenden, weil das Licht nicht reichte.

Nun habe ich das hellste Zimmer im ganzen Haus und einen höhenverstellbaren Zuschneidetisch.

Ansonsten besteht die Beleuchtung zur Zeit noch aus der Tapezierfassung und einer Schreibtischlampe. Bevor es Herbst wird, werde ich da nachbessern, zur Zeit jedoch reicht das Licht voll und ganz.

studioblickvomnähtisch_fenster

Wenn ich von meinem Nähtisch aufschaue, schaue ich in den Himmel. Und wenn ich nach rechts in den Spiegel schaue, sehe ich auch wieder ein Stück Himmel. Herrlich. – außer an Tagen mit 30° C +. Dann hilft auch keine Form des Durchzugs mehr. Arbeitszeiten beschränken sich dann auf 5 – 9 morgens und nach 20 Uhr abends.

studio_fenster

Bis auf den Nähtisch, der sein Leben mit mir als Küchentisch in meiner Detmolder Theaterwohnung begann, und den Swing-Hocker, den ich im Arbeitszimmer des Manns entwendet habe, sind alle Möbel neu und von IKEA.

Letzten Sommer, als ich schon einmal Anlauf genommen hatte, dies Zimmer fertig zu stellen, hatte ich den Spiegel und drei Kallax-Regale (das ist die neue Expedit-Version) gekauft. Der Spiegel blieb verpackt, die Regale wurden in Bad und Kinderzimmer verwendet. Also habe ich nun noch mal zugeschlagen und zwei große und zwei kleine gekauft. Von den kleinen steht eins auf Rollen, so daß es leicht seine Position verändern könnte. Die weißen Türen fürs Regal sind aus dem letzten Jahr. Die schöneren roten gab’s da noch nicht. Für die jetzt noch offen liegenden Stoffe sind schon Türen gekauft.

studio_stoffschrank

Die beiden höhenverstellbaren Böcke und die sehr leichte Tischplatte sind ebenfalls vom Möbelschweden. Die Tischplatte könnte auch zwischen großem Regabl und Wand hochkant verschwinden.

studio_zuschneidetisch

Die Borte, in die ich nach wie vor schwerstens verliebt bin, hab ich letztes Jahr in Spanien bestellt. Sie ist von Catalina Estrada, die noch einige sehr abgefahrene andere Designs im Portefolio hat. Alle gerade so auf der Kante zwischen üppig und zu kitschig. Ich hab auch nicht das kleinste Fitzelchen weggeschmissen.

studio_borte

studio_nowaste

Meine Kurzwaren lagern jetzt in einem Alex-Büromöbel mit 5 Schubladen. Einfach aufziehen, sichten und verarbeiten. Nicht kramen, suchen, nicht finden, losgehen zum Neukaufen, verarbeiten, dann doch finden mehr.

studio_reißervorratstudio_vorratstudio_baendervorrat

Das Bügelbrett steht nach wie vor zwei Etagen tiefer im Gäste– Bügelzimmer. Da sind nämlich auch die Kleiderschränke. Als Zwischenlösung habe ich jetzt ein kleines Bügelbrett, das ich auf den Zuschneidetisch stellen kann. Aber wenn’s wirklich zur Sache geht, werde ich wohl doch das große Brett hoch holen müssen.

Die beiden alten, wunderschönen Tretnähmaschinen, die ich eigentlich als Ablage und Dekoelemente nutzen wollte, haben bislang keine Platz gefunden. Ich werde sie wohl als Ablagetischchen in den Flur stellen. Eigentlich fehlt mindestens noch ein Regal, denn meine großen Bildbände stehen immer noch über die diversen Bücherregale im Haus verteilt. Aber ich könnte höchsten bei den beiden großen Regalen noch aufstocken und ehrlich gesagt, traue ich der Stabilität der Kallax nicht.

Den roten Vorhang hatten wir mal fürs Schlafzimmer gekauft, allerdings ohne ein Stück der ebenfalls roten tapete mitzunehmen. Und natürlich paßten die beiden Rottöne nicht zueinander. Nun ist er als Türersatz und Fotobackground im Studio gelandet. Über die Vorhangstange kann ich auch andere Hintergründe werfen – etwa ein lichtes Birkenwäldchen aus Fallschirmseide, Überbleibsel aus dem Wald der Wünsche. In Zukunft also keine Familiengalerie mehr als Bildhintergrund. 😉

ausgang

Was die offizielle Bezeichnung angeht, herrscht hier im Hause Uneinigkeit. Der Mann spricht von Atelier. Das ist mir zu malerisch. Ich bevorzuge Studio. Der Sohn sagt mit leisem Vorwurf immer DEIN Zimmer.

So, und nun ab an die Arbeit.

 

 

 

 

Channel this: The King of Cool

Ich dachte, wir bräuchten vielleicht etwas Abkühlung, darum einen extrem coolen Stylepaten für diesen Monat:

Steve McQueen!  — Yeah, baby.

 

lgpp30801

 

Seitdem ich mit vierzehn oder so mal sehr spät freitags abends in Bullitt reingezappt bin, bin ich ein Steve McQueen Fangirl. I mean, what’s not to like? Ein Kerl, der in einem maßgeschneiderten dreiteiligen Anzug genauso lässig und unbeeindruckt von der eigenen Klamotte daher kommt, wie in einer schlammverspritzten Jeans und durchgeschwitztem T-Shirt? Der den Eindruck erweckt, es wäre eigentlich vollkommen egal, was er trüge, er würde jedem Kleidungsstück seine Persönlichkeit aufdrücken. Cooler geht’s nicht, finde ich.

 

steve-mcqueen

 

Abseits des Sets scheint Steve McQueens Garderobe aus den Klassikern amerikanischer Casual-Klamotten bestanden zu haben: Jeans, Chino, T-Shirts, Polohemden, Buttondown, Sweatshirts, Harrington Jacket, Desert Boots, Canvas Shoes. Reduzierte Palette. Alles immer körperbetont. Müßte hinzukriegen sein – aber hier macht wohl eher die innere Haltung den Style als umgekehrt.

 

life-time-gear-steve-mcqueen-fishing-king-cool_204272

tumblr_mts9njE55d1rnoo78o1_1280

 

Die wichtigsten Accessoires: Die richtige Sonnebrille, coole Karre oder cooles Bike.

 

Steve

So. Unser gemeinsames Date mit Steve McQueen ist am 31.07.2015. Ich bin wie immer sehr gespannt.

Für alle Roisin Murphy-Fans: Dran bleiben. Nächsten Monat gibt es eine Musik-Challenge. 😉