Geiselhaft – oder: Warum ich Gala Darling lieber lese als Frau Dingens

Guten Tag. Ich hätte gern unseren Feminismus zurück!

Ich jongliere täglich zwischen Kind, Job, Partnerschaft, meinen künstlerischen Ambitionen und dem ganzen Rest vom Leben. Zwischen meinen Ansprüchen, Bedürfnissen und Träumen und dem, was andere wollen.

Ich versuche, auf mein und nur auf mein Navi zu hören, aber allerlei mir eingebläute Defizite (fiktive wie reale) bringen mich allzu leicht von meiner Route ab.

Ich verhandle im Job fast täglich zwischen dem, was ideal oder richtig wäre und dem, was ich möglich machen kann.

Ich scheue weder vor kontroversen Auseinandersetzungen, noch vor hochtheoretischen Büchern zurück. Ich laß mich sogar ganz gerne irritieren. Aber morgens um 20 nach 8 muß ich da raus in das, was wir Wirklichkeit nennen, und es sind leider meist nicht die feministischen Theorieschinken, sondern so Bücher wie “Difficult Conversations” und “How to lead, when you are not in charge”. Oder eben ein straighter, glitzerig-pinker aufmunternder Tritt in den Arsch von Gala Darling oder Danielle LaPorte.

Is it just me, oder läuft da was schief?

Wie kommt es, daß gerade aus der so irrsinnig reflektierten netzfeministischen Ecke außer Minenfeldern gar nix kommt, was mir im Alltag weiterhülfe? Sollte nicht alleine schon die Reichweite dazu verpflichten, Frauen zu stärken und uns nicht immer und immer wieder als Opfer zu positionieren? Und jeden Versuch der Selbstermächtigung als priveligierten Mittelklassescheiß zu diffamieren?

Die Mädels, die da die Lufthoheit im digitalen Diskurs so schlagkräftig verteidigen, möchte ich gerne mal einen Monat in die Beratungen der Kolleginnen aus den Gleichstellungsstellen stecken.

Vielleicht würden sie dann ein wenig Demut lernen und kapieren, daß sie gerade ihre diskursive Macht mißbrauchen. Nicht zum Wohle des Feminismus. Dem Bemühen um mehr Gerechtigkeit und um Gleichstellung helfen die theoretischen Grabenkämpfe jdenfalls kein Stückchen. Und auch nicht das Austeilen und dann Dichtmachen.

Ich wüßte uns gerne geschlossen und nicht als unüberschaubaren Guerillakrieg, der darauf angelegt ist, Differenz herzustellen, statt kritische Masse. Weniger argumentatives Schaulaufen für die peer group bitte und weniger Sicherung der eigenen theoretischen Pfründe.

Go out! Get real! Get over your ego!

Ich bin es leid, jeden halbwegs pragmatischen Ansatz, die Welt ein Stückchen besser zu machen mit kleinen Schritten jeden Tag, zerlegt zu bekommen ohne ein alternatives Handlungskonzept. Grundsätzlich alles inakzeptabel zu finden, weil es jemanden ausschließt, schließt das Handeln an sich in letzter Konsequenz aus. Hochargumentative Unverantwortlichkeit.

Also, bitte, hört endlich auf, Euch als Opfer zu begreifen, hört endlich auf, die Kerle als Tiere hinzustellen, übernehmt Verantwortung und gestaltet endlich Welt nicht nur digitale (Haß-) Diskurse.

Bis dahin.

Und alle anderen: Laßt und bitte Tacheles reden: was funktioniert im Alltag? Was nicht? Und wie machen wir uns die Welt jeden Tag ein bißchen mehr so, wie sie uns gefällt.

NIX FÜR LEMMINGE – Märchen – Mood-Board

The Dark Queen Rises

Irgendwie hat es mich auf die dunkle Seite der Macht gezogen. Mit die ersten Bilder, die mir in den Kopf kamen, waren nicht aus klassischen Volksmärchen, sondern aus phantastischen Filmen bzw. Theaterstücken.  Pany Labyrinth, Sleepy Hollow, His Dark Materials.

pan_s_labyrinth

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Nun bin ich ja eigentlich eher ein sonniger Mensch, aber: follow your hunches.

Nach einer kurzen Replik mit Lotti auf Twitter, nach dem ich wohl einige Elie Saab Kleider zu viel gepostet hatte, stand ich vor der Frage, ob ich mich was die klassischen Märchenfiguren angeht, eher als Prinzessin sehe oder als (böse) Königin. Ich entschied mich für Lady Macbeth.

Crop-Ellen_Terry_as_Lady_Macbeth

Das ist Ellen Terry als Lady Macbeth, wie John Singer Sargeant sie gemalt hat.

Das ist das tatsächliche Kostüm, nach seiner Restaurierung. Es ist mit Käfern bestickt.

beetlewing dress_ladymacbeth

Sargents Bild habe ich vor eeendlosen Ewigkeiten in Edinburgh in einer Ausstellung gesehen – und ich erinnere den Eindruck als deutlich anders. Aber da überlagern sich vielleicht auch eigenen Leseerfahrung und Bilder aus einer Macbeth-Inszenierung, bei der ich assistiert habe. Ich erinnere jedenfalls, absoluten Triumph in Lady Macbeths Selbstkrönung gesehen zu haben. Nicht schon aufflackernden Wahnsinn vor Schuld.

Ich stelle also der (bösen) Königin nach. Dementsprechend ging ich Königinnen gucken – im engeren Wortsinn, aber auch im übertragenen: sprich: mächtige Frauen.

Kate Blanchet as Elizabeth I in the movie Elizabeth, one of my favorite movies of all time.

Christine Lagarde Young | Madame Chairman: Christine Lagarde, now head of the IMF, stands on the ...

 

New Official Photos of King Willem Alexander and Queen Maxima

Christine Lagarde schien mir alltagsverträglicher zu sein als Königin Maximas blaue Krönungsrobe, also vertiefte ich mich in das kleine graue Kostüm.

DSQUARED2  | The House of Beccaria

 

Milan Fall 2013 - Roccobarocco

the jacket

 

Alles gut und schön, aber da fehlte mir dann doch das Märchen. Und ein bißchen mehr bad girl Attitüde.

yeah!

 

Irgendwie hatte es mir Elisabeth 1 angetan. Also endlos Klamotten aus ungefähr ihrer Zeit geguckt.

Doublet of Moritz von Sachsen made in 1541-1553. Deposited in Historische Museum, Dressden.

slit sleeves

 

sleeves and embellishment

 

cape

Schöne Details, aber wie bringt man das ins Hier und Jetzt?

Gucken wir mal bei Alexander McQueen?

Ärmel und Ausschnitt

the coat - and how the skirt spills out of it!

shoulders and sleeves

Dann habe ich mir in guter Theatermanier einen kleinen Charakter-Steckbrief erstellt. Denn poste ich dann mal demnächst. Und ein paar erste Ideen skizziert.

Augenmerk liegt auf Schultern und Ärmeln. Denke ich. Ich vermute mal, daß es auf eine Mantel sonstwas Kombo hinausläuft, auch weil ich einen Übergangsmantel ganz gut brauchen könnte.

Farblich wird es sich wohl zwischen schwarz, grau und dunklen, satten Tönen bewegen. Also durchaus schon herbstlich.

Meine Gedanken zum Thema power dressing sind auch noch nicht ganz zu Ende gedacht, aber da liefere ich sicher noch ein paar Ideen nach.

Als Abschluß meine Skizzen. Und dann bin ich sehr gespannt, in welche Gefilde es Euch verschlagen hat.

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NIX FÜR LEMMINGE – MUSTER_MIX – B-PREMIERE!

nixfürlemmingegross

Moin! Alle wach? Ich noch nicht so richtig. Ich habe nämlich gestern Abend  lange genäht. Und den Abend davor. Und den Abend davor … Und ich werde heute wohl auch noch brauchen. Denn:

an meinem Rock fehlen noch Bund und Saum

und

an meinem Oberteil fehlt noch der Kragen und die Ärmel.

Genau, abweichend von den diversen Entwürfen, die ich so gezeigt habe, habe ich mich für Rock und Top entschieden. Ich war nämlich schlau genug, noch mal mein Summer Style mood-board zu konsultieren. Ich hatte schon im Frühjahr einen weiten bunten Rock gewollt. Den habe ich jetzt. Das Herrenhemd dazu wird es allerdings nicht werden. Stand: 11 UHr morgens:

MUSTER_MIX_top

 

Top

MUSTER_MIX_rockvorne

 

Rock, vorne

MUSTER_MIX_rockhinten

 

Rock, hinten

Aaaalso: Noch einiges an Arbeit. Ich hoffe, daß es jetzt gleich richtig anfängt zu regnen, auf das es sich so weit abkühlt, das man wieder denken kann.

Ich gebe hiermit weiter an Euch! Also: Her mit Euren fertigen MUSTER_MIXEN. Ich bin ja sooo gespannt.

NIX FÜR LEMMINGE – Auf dem Weg zum Entwurf – oder: Wo nehm ich die Ideen her?

Ich gebe zu:

In meiner Vorstellung vom Paradies tue ich nichts anderes, als mir den lieben langen Tag Dinge auszudenken. Glücklicherweise gibt es oft genug Arbeitstage, an denen ich das  hauptsächlich tue. Irgendwann muß ich dann allerdings doch zum Telefonhörer greifen, um meine Ideen real werden zu lassen. Als Regisseurin liebe ich diese Vorbereitungszeit, wenn noch alles offen, möglich und neu ist. Bei NIX FÜR LEMMINGE bleibe ich regelmäßig in dieser ersten Phase hängen. Ideen aufzuspüren ist also nicht mein Problem. Es scheint eher eine Art Betriebsfehler zu sein. Ein bug in meinem System.

Für die, die sich damit vielleicht eher schwer tun, versuche ich heute mal, meine Vorgehensweise in Worte zu fassen, was sich als nicht gerade einfach erwiesen hat. Vorbewußtes Handlungswissen und so …

Zu allererst: es gibt beim Vorgehen kein RICHTIG und kein FALSCH. Es gibt nur: funktioniert gut, geht so und geht gar nicht für mich.

Damit sind wir vielleicht schon beim wichtigsten Ratschlag, den ich geben kann: Das entscheidende Leitsystem sitzt innen, nicht außen. Ob man es nun Bauchgefühl, Intuition, Muse, Genie oder sonstwas nennen will: es ist dieses leise Stimmchen, das sich hin und wieder mit schüchternen Vorschlägen meldet. Dem ist zu folgen und nicht dem ewigen Motzkopf, der alles kaputt macht, noch ehe man angefangen hat. Die erste Idee ist immer die beste. Dann nämlich, wenn man sie als Sprungbrett benutzt und von da aus weiterarbeitet. Wer dem inneren Zensor anfangs schon Raum gibt, kommt nicht vom Fleck und schon gar nicht über die Ziellinie.

Was heißt das konkret für die Arbeit an den NFL-Herausforderungen?

Man folge beherzt den eigenen Neigungen, Interessen, Ahnungen, den eigenartigen Querverbindungen, die sich nur einem selbst auftun.

JedeR von uns ist ihr / sein eigenes kleines Universum an Erfahrungen, Wissen, Kommunikationsadern. Originelle und eigenständige Ideen entstehen eher da als im panischen Blick auf das, was andere machen.

 

Wo also fange ich an? Mit der tatsächlichen Aufgabe! Langweilig? Kann sein. Aber beim Inszenieren gibt es auch entweder einen Text oder ein Thema. Darum also erstmal die Parameter ermitteln.

Die sind bei NIX FÜR LEMMINGE zum großen Teil jedem Teilnehmenden selbst überlassen. Was ‘alltagstauglich’ heißt, bestimmt jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer selbst – auf Grund eigener Präferenzen und eigener Lebensumstände.

Nehmen wir also mal die aktuelle Herausforderung:

Die Aufgabe ist dieses Mal, ein alltagstaugliches Outfit zu entwerfen und zu produzieren, das entweder ein Gefühl oder aber eine Stimmung / eine Athmosphäre wiedergibt.

Und das vor dem Hintergrund von Märchen.

Also – Notizbuch aufschlagen (sorry, ich bin da beratungsresistent analog), Stift zur Hand und geschrieben:

Definiere alltagstauglich. Was trage ich tatsächlich alltäglich? Was könnte ich für meinen Alltag brauchen?

Definiere Outfit.

Was verstehe ich unter Kleidung, die ein Gefühl oder eine Stimmung ausdrückt?

Was verstehe ich unter Märchen?

 

Warum das alles?

NFL ist eine Challenge ohne Jury. Entscheiden, ob man sein Ziel erreicht hat oder nicht, kann man als Teilnehmende nur, wenn man vorher für sich das Ziel definiert hat. Und dazu gehört es, diese Parameter zu setzen.

Darüber hinaus kann man sich dann auch noch fragen, welche Zusatzansprüche man an sich selbst stellt. In meinem Fall: endlich mal zeitig fertig werden und nahezu perfekte Innenverarbeitung.

Wem das nun alles zu einengend erscheint, dem gebe ich den großmütterlichen Rat mit, daß Kreativität am besten innerhalb von Grenzen zu sprudeln beginnt. Weitaus ergiebiger jedenfalls als auf dem freien Feld von anything goes. Man braucht etwas, wogegen man sich abarbeiten kann.

 

Welche Form man nun wählt, um die eigenen Gedanken zu sammeln und zu ordnen, das ist komplett subjektiv. Ich neige zu Schriftbildern, Listen, Photos und endlosen Bildersammlungen – auch weil ich nicht zeichnen gelernt habe. Was mich manchmal echt wuschig macht, vor allem, wenn ich in dem Moment vorm Einschlafen das Kleid komplett fertig vor mir sehe. Und dann nicht mal nen screenshot machen kann.

 

Die so versammelten Gedanken lasse man ein paar Tage in Ruhe. Und wenn man dann zurückkommt, mit farbigem Stift oder sonst wie die wirklich aufregenden Elemente kennzeichnen. Auch da wieder: genau auf sich hören. Nicht: Was wäre cool? Was wird wohl erwartet? Sondern: Was interessiert, irritiert, fordert und reizt MICH am meisten. Diese Elemente bilden dann bei mir das Grundgerüst der Recherche.

Für Märchen werde ich – wenn meine Zeit reicht -

-versuchen zu ergründen, warum mir Sargents Bild von Ellen Terry als Lady Macbeth sofort in den Kopf sprang, als es um diese Herausforderung ging
-mir sicher noch mal Pans Labyrinth und 3 Nüsse für Aschenbrödel angucken
-Bilder von C.D. Friedrich anschauen
-versuchen herauszufinden, wie man die Zweigesichtigkeit, die Neil Gaiman in Instructions so schön raus kitzelt, in Kleidung überträgt
-mir Rusalka noch mal anhören
-und Shakespeares Sommernachtstraum querlesen

Was ich bei jedem größeren kreativen Unterfangen mache: ich schreibe zwei Listen.

Liste Nummer 1 heißt: Was weiß ich noch nicht. Und die auf die kommen wirklich alle offenen Fragen, die mir einfallen. Egal wie bedeutend oder unbedeutend. Im Laufe der Zeit komme ich auf diese Liste immer wieder zurück. Manches erledigt sich. Manches wandert auf Liste zwei.

Liste Nummer 2 heißt: Das weiß ich schon. Und darauf sammele ich all meine “Gewißheiten”.

Für NFL 4 steht da jetzt:
ich brauche Oberteile
es muß was für den Herbst sein
Wollstoffe oder Crepe
muß vor dem Schottland-Urlaub fertig sein

Bei der Arbeit an NFL lande ich immer ganz schnell bei der Bildersuche. Wobei mir mittlerweile aufgegangen ist, daß es wenig sinnvoll ist, mit fertigen Kleidungsstücken anzufangen. Ich werde mich also dann noch mal an einer ordentlichen Dosis anderer Bildwelten gütlich tun: Architektur, Natur, reale und fiktive Welten …

Arbeite ich an Theaterprojekten, lese ich unendlich viel und lasse mich dabei für eine vorher festgelegte Zeit auch von Hölzchen auf Stöckchen treiben. Anne Bogart beschreibt die damit verbundene Haltung in “A Director Prepares”sehr schön:

man läßt sich wie beim Schnorcheln treiben, versucht wahrzunehmen ohne zu werten, ohne zu verwerten. Versucht möglichst lange, in einem wachen, staunenden, offenen Zustand zu verweilen, um dann umso entschlossener den Impulsen zu folgen. Tatsächlich fallen die Glasplättchen im Kaleidoskop ganz von alleine an ihren Platz. Wenn man geduldig ist. Nicht immer einfach. I know.

Jegliche Strategie, die einem beim Treiben aus der eigenen Filterbubble holt, ist sinnvoll und hoch spannend. Bewußt nach Material zu suchen, was weder der eigenen Ästhetik noch der eigenen Weltwahrnehmung entspricht, erzeugt Reibung und Perspektive. Und kann zu  neuen Ansätzen führen.

Irgendwann muß man allerdings die Sammelphase für beendet erklären und sich ans Auswerten und Aussortieren machen. Ein großer Teil dieses Prozesses erledigt welcher Teil von uns auch immer das ist von selbst. Was übrig bleibt sollte genauestens unter die Lupe genommen werden, um zu isolieren, was es denn nun ist, was einen an diesem Element anzieht.

Am Ende dieser Sortierphase sollte man dann die Elemente haben, die in den Entwurf einfließen sollen. Und das Spiel des Kombinierens und Ausprobierens kann beginnen. Dazu dann demnächst mehr.

Wer sich jetzt überfordert fühlt und denkt: aber das soll doch vor allem Spaß machen … tut es auch. Und ein großer Teil dieser Mechanismen läuft sowieso automatisch ab. Ohne unser Zutun. Will man aber was Eigenes schaffen, macht es Sinn manchmal sehr bewußt mit diesen Wahrnehmungs- und Sortierungsprozessen umzugehen und sie ein bißchen zu steuern. Wissen, was man tut, damit man’s wieder vergessen kann.

So, Fußball ruft. Schon wieder. ;-)

Ich wünsche fröhliches Schaffen allerseits.