„Reicht das 20 m Verlängerungskabel?“, ruft der resident engineer aus dem Keller und ich antworte: „Sicher, ist ja nur für den Fall.“ „Und wie viele Mehrfachstecker?“ Ich weiß es nicht und also bringt er eine ganze Tüte mit. Im Flur stehen schon Nähmaschine, Kantenbrett, Dampfbügelstation, meine Nähkiste, ein Koffer und 1000 Kleinigkeiten, die alle ins Auto müssen. Und mittlerweile ist es kurz vor zehn. Ich wollte doch schon unterwegs sein nach Würzburg. Zur anNÄHerung_süd.

anNÄHerung_süd – das Nähwochenende im schönen Würzburg. 48 Stunden ungestörtes Nähen und Fachsimpeln mit 30 anderen Frauen, die ähnlich nähverzückt sind wie ich. Bliss. Paradise. Das perfekte Wochenende.

Dass das Wetter absolut italienisch war und Rene Lezard trotz gerade überwundenem Insolvenzverfahren Lagerverkauf machte, versüßten das Wochenende zusätzlich. So konnten wir als sundowner einen Brückenwein genießen und gerade vernähte Meter im Stofflager sofort wieder auffüllen.

Aber letztlich wäre das Wochenende auch ohne Stoffkauf und schöne Stadt ein wunderbares gewesen, denn es bietet jedes Jahr wieder das, was zuhause so schwer fällt: ungeteilte Aufmerksamkeit fürs Nähen. Nichts und niemand stört. Für Getränke und Essen ist gesorgt. Den Abwasch und das Kochen erledigen andere. Und dann bietet dieses Wochenende Hilfe, wenn eine mal nicht weiter weiß und den nötigen sozialen Druck, an kniffeligen Stellen das Werkstück nicht einfach wegzulegen.

Und als wäre das noch nicht genug, bereichern diese Nähwochenenden mich immer wieder durch die tollen Gespräche (nicht zwangsläufig übers Nähen). Und in den spätabendlichen „Ich will das auch mal anprobieren“-Sessions kann die Näh-Nerdette das tun, was sonst nur bei Kaufkleidung geht: Nämlich anprobieren und im schon genähten Zustand abschätzen, ob ihr ein Schnitt steht oder nicht.

Dieses Mal hatten wir erstaunlich viele Schnitte, die an so gut wie jeder toll aussahen. Darunter sogar ein Burdakleid.

Ich hatte mir für dieses Nähwochenende einen Wintermantel vorgenommen. In weiser Voraussicht nicht den aufwendigsten Schnitt ever, aber immerhin ein noch nicht verarbeitetes Material – Alpaca-Flausch – und mit der Herausforderung, einen Verschluss einzubauen, ohne die Designlinien kaputt zu machen.

Der gewählte Schnitt ist Sapporo Coat von Papercut Pattern. Der Stoff ließ sich erstaunlich gut verarbeiten, lediglich der Reißer war nur vorgeheftet ordentlich einsetzbar. Einen fetten Zuschneidefehler (Merke: Schneide nicht spät abends zu. Schneide nicht spät abends zu. Schneide nicht spätabends zu, wenn du einen sündteueren Stoff verarbeitest!) konnte ich zwar korrigieren, aber nun habe ich nur noch Restchen meines Stoffs über und Sohnemann hatte doch schon gebettelt, er wolle auch was aus dem „flauschigen Zeugs“.

Ganz fertig geworden ist mein Mantel in Würzburg nicht. Ich muss immer noch das Futter am Ärmelsaum mit der Hand einnähen und den Mantel insgesamt säumen. Aber ich war auch Samstag Stoff kaufen udn abends Wein trinken, insofern bin ich mit Erreichten sehr zufrieden. In dieser Woche brauchte ich ja auch noch keinen warmen Mantel und ab heute hab ich zwei Wochen Ferien, also Zeit, den Mantel fertigzustellen.

Außerdem locken mich tolle neue Stoffe und einige Schnitte. Nach einer ganzen Weile der Nähflaute habe ich in Würzburg mein Näh-Mojo wieder gefunden. Dank vieler anderer begeisterter Näherinnen. So viel geballte Energie, Kreativität und Schaffensfreude in einem Raum ist nun mal unwiderstehlich.

Wie immer habe ich so gut wie keine Fotos gemacht. Ich hoffe, dass die eine oder andere Teilnehmerin zwischendrin etwas dokumentierfreudiger war als ich. Meine Bild- und Tonspur ist im Kopf und sorgt da für sehr, sehr schöne Erinnerungen.

Ladies, es war mal wieder super toll mit Euch!