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Moin. Auch heute gibt’s wieder ein Schnitt-Fest. Und ich stelle Euch gleich einen etwas älteren, selbstgemachten Schnitt vor, den ich mir gerade zur Überarbeitung vorgeholt habe. Aber bevor ich in die Details von Entwicklung und Weiterentwicklung einsteige, vielleicht noch mal ein paar Gedanken, warum es sich lohnt, eigene Schnitte zu entwickeln.

Empririsch habe ich das noch nie dokumentiert, aber gefühlt komme ich beim Drapieren eigener Schnitte schneller zu einem, meinem Körper passenden Ergebnis, als mit allen Fremdschnitten. Dieses Gefühl mag mit der inneren Erwartungshaltung zu tun haben. Mache ich einen Schnitt selbst, dann bin ich eingestellt auf eine bestimmte Prozessdauer. Dann gehe ich nicht ans Werk mit der Erwartung, mir mal eben schnell etwas zu nähen. Sondern dann steige ich ein in einen kreativen Prozess, bei dem auch schon mal Dinge daneben gehen.

(Dummerweise) erwarte ich bei einem „fertigen“ Schnitt immer noch, dass all diese Arbeit schon erledigt ist. Ist sie aber nicht. Da ist eine Designidee umgesetzt, ja. Da ist eine Konstruktionsreihenfolge erdacht worden und die entsprechenden Schnittteile sind im besten Falle so aufbereitet, dass ich gut mit ihnen arbeiten kann. Aber genau wie Konfektionskleidung werden Schnitte für Figurdurchschnitte gemacht. Und die Differenzen in Körpergrößen, die mich schon beim Kleidungkaufen immer behindert haben, schlagen, wenn ich nichts ändern würde, auch bei Kaufschnitten immer durch. Und da es bei mir meist im Schulter-und Brustbereich Anpassungsbedarf gibt, also da, wo jede Änderung am weitreichendsten ist, entsteht erheblicher Aufwand. Und auf den reagiere ich immer vergrätzt. Was sicher unfair den Schnittdesignern gegenüber ist. Aber mittlerweile denke ich dann häufig: Da hatte jemand anders den ganzen Spaß beim Designen und Ausknobeln und ich schlag mich nun wieder mit dem Part rum, den ich nicht so gerne mache, nämlich Anpassen.

Och nö! Lieber habe ich den Spaß selber und setze Ideen um, die meinem Kopf entsprungen sind oder aus teurer Konfektion oder Vintagekleidung geklaut. Denn ich liebe den kreativen Part, der in das Erarbeiten eigener Schnitte geht.

Fast noch mehr liebe ich allerdings, die Veränderungen, die ein ursprünglicher Designanlass im Laufe der Arbeit daran nimmt. Bevor ich an die Puppe gehe, habe ich meist eine krude Skizze meiner Idee gemacht, die dann als Anleitung für die ersten Drapierungsversuche dient. Aber sobald die Idee dreidimensional formen annimmt vor mir, bekommt sie ein Eigenleben. Mal fällt mein Stoff irgendwie interessanter als meine ursprüngliche Idee war. Mal eigen die realitischen Maße meiner Puppe, dass eine Taschenplatzierung, die auf der Zeichnung cool aussah, in Realität weder schön noch praktisch ist und so weiter. Manchmal sind es nur kleine Veränderungen. Manchmal sind nimmt so ein Werkstück eine ganz andere Richtung.

Ich folge also auch beim Drapieren mehr einem improvisatorischen Ansatz, so wie ich das beim Inszenieren auch getan habe. Und ich liebe genau diese unerwarteten Entdeckungen!

Das kann ein fertiger, fremder Schnitt natürlich nicht mehr bieten.

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Die Ascension-Blusen, die ich vor 2 Jahren genäht habe, sind inspiriert vom Schulterdetail eines Lena-Hoschek-Tops. Da meine Schultern im Verhältnis zum Brustmaß sehr schmal sind, bin ich immer auf der Siche nach Schnittdetails, die mir die Möglichkleit geben, die Differenz an Stoffmenge elegant auszugleichen. Die Schulterpasse und die Falten, die ich bei dem Hoschek-Top gesehen hatte, schienen mir ein guter Ansatz dafür.

Das bewahrheitete sich auch beim Entwickeln, Nähen und Tragen. Der rechte Winkel forderte mich beim Nähen dann zwar ganz schön raus, aber nach einigen Probestücken hatte ich es raus.

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Da ich einen Oberteilschnitt ohne jeglichen Verschluss wollte, entschied ich mich für einen sehr tiefen Ausschnitt. An sehr heißen Sommertagen in eher lässiger bis privater Umgebung geht der Ausschnitt auch voll in Ordnung. An nicht ganz sooo heißen Tagen und in öffentlicherer Funktion ziehe ich dann doch immer noch ein Hemdchen unter, was dann aber einen nicht so schönen Querstrich in meinen V-Ausschnitt zieht. Ein Grund dafür, dass die Blusen nicht ganz so oft getragen werden.

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Ich werde den Ausschnitt bei der Überarbeitung etwas weniger tief machen und vermutlich doch einen Reißverschluß einbauen.

Da ich vor zwei Jahren noch keinen vernünftigen Ansatz gefunden hatte, selbst Ärmel für meine drapierten Oberteile zu schaffen, habe ich als Basis für den Tulpenärmel das Schnittteil einer Bluse verwendet, die ich schon mal genäht hatte. Das klappte in diesem Fall so leidlich. Der Ärmel ist drin und sieht gut aus, aber es fehlen ihm ein paar Zentimeterchen Weite, denn wann immer ich den Arm nach oben strecke, kneift’s ein bißchen. Mittlerweile habe ich ja einen konstruktiven Ansatz gefunen, um Ärmel für meine drapierten Schnitte maßzuschneidern. Deshalb werde ich jetzt an den Ärmel noch mal dran gehen.

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Und noch einen Grund gibt es für eine Weiterentwicklung des Schnitts: Ich finde sie nämlich wirklich sehr schön und hätte gerne eine Version mit längeren Ärmeln für kälteres Wetter. Ich habe die beiden Blusen mit Shirts drunter probiert, aber das gefällt mir nicht. Da ich gerade total auf weite Ärmel stehe, werde ich für die Bluse noch einen ähnlichen Bischoffsärmel wie für meine Seidenbluse konstuieren.

Ganz ab von diesen schnitttechnischen Gründen, mir die Bluse noch mal vorzunehmen, habe ich mich bei den beiden Stoffen vergriffen. Sie haben zwar ausreichend Stand für den Schnitt – ich hatte ihn auch noch in Seide genäht, aber dieses Teil wartet in der Materialkiste Unterwäsche auf seine Weiterverwertung, weil viel zu labberig – knittern allerdings auch wie doof und nach 20 min Autofahrt steht der Saum in unmöglichen Richtungen ab. Was NICHT SCHÖN ist.

Alles in allem stimmt die Basis bei diesem Schnitt also und ich werde mich jetzt mal an die kleinen Ärgernisse machen, um den Schnitt dann weiterhin zu nutzen. Wie gut, dass ich mir bei diesem Teil die Mühe gemacht hatte, die endgültigen Nesselteile dann noch auf Papier zu übertragen. 😉

So, und nun seid Ihr dran. Ich bin gespannt, wer heute welchen selbstkonstruierten Schatz zeigt.

 

 

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