sonja caraco

Foto mit freundlicher Genehmigung von Nähwürmchen.

Ihr kennt das? Irgendwann am Ende einer langen link-hops-Kette durch die Weiten des Internets findet Ihr Euch plötzlich in einer ganz anderen Welt wieder. Verwundert wie Alice hinter den Spiegeln reibt Ihr Euch die Augen: Ja, auch hier wird genäht, aber was? Historische Gewänder. Kostüme von Manga- und Animefiguren. Wearables.  Zelte.  Gar Bootshäute.

Alles ist anders, manches ist ähnlich. Vor allem aber steht frau bei der ersten Begegnung staunend und fremdelnd da: das gibt’s also auch?

Dann gibt es zwei Möglichkeiten: kopfschüttelnd in die bekannten Gefilde zurückkehren oder sich umsehen und inspirieren lassen.

Der Inspiration ist diese heute startende kleine Reihe gewidmet.

Ich lade Euch ein zu Ausflügen in parallele Nähwelten, weil ich finde, dass es da viel zu wenig Austausch gibt.

Den Anfang macht eine Begegnung mit dem Reenactment in Person einer weiteren Bloggerin aus dem heimischen Gefilde.

Sonja ist wohl das, was die Engländer gern als Jack-of-all-trades bezeichnen: ein rundum kreativer Mensch,  der sich Künstlerisches und Handwerkliches quer über die Disziplinen vorwiegend autodidaktisch draufschaffen kann. Seit 2011 ist sie vom Reenactment-Virus befallen und wer beim Himmelfahrtskommando mit dabei war, die ist ihr schon einmal begegnet: da hat sie nämlich eine Uniformjacke des Coldstream Regiments um 1777 genäht. MIT DER HAND. Seit dem sind ca. 30 historische Kleidungsstücke entstanden.

Reenactment definiert Sonja so: Es ist das Nachstellen bzw. Nachspielen von historischen Ereignissen (z.B. Schlachten) bzw. des Alltagslebens auf möglichst authentische Weise. Letzteres wird auch Living History genannt und findet häufig im musealen Bereich statt.

Hineingerutscht in die „Szene“ ist sie über eine Bekannte, als sie für einen Graphikerinnen-Auftrag zu Frauen in Uniform recherchierte. Von da aus ging’s direkt in die Napoleonischen Kriege mit den Coldstream Guards. Mittlerweile ist sie mehr im „zivilen“ Reenactment unterwegs, aber die Faszination für das ausgehende 18., frühe 19. Jahrhundert ist geblieben. Auch, weil sie die Kleidung jener Dekaden ästhetisch ansprechend findet: Tolle Muster, spannende Klamotten.

Wie sich das anfühlt, diese Frauenkleider zu tragen, frage ich sie. „Geschnürt ist viel bequemer als erwartet. Gerade, wenn man wie ich eine sehr weibliche Figur hat. Da bietet die Schnürbrust viel mehr Halt als der BH. Außerdem hat man sofort eine andere Haltung. Viel gerader, ohne sich bewußt gerader zu halten. Man kann im Sitzen stehen, die Schnürbrust hält einen. Unbequem wird’s nur bei Verrichtungen am Boden, aber dafür gibt es die kürzeren, weniger versteiften Arbeits-Schnürbrust. Je kürzer, je bequemer.“

Was sie zur Versteifung der Schnürbrust für Material benutzt, frage ich sie. „Korsettstäbchen aus Plastik. Natürlich nicht aus Fischbein. Auch der Stoff ist ein Kompromiss. Leinen in historischer Qualität gibt es praktisch nicht mehr. Trotzdem ist das Ziel, nicht nur auszusehen, wie auf alten Gemälden, sondern auch das Lebensgefühl so weit als möglich herzustellen.“

Damit sind wir dann natürlich beim Thema Authentizität und der Frage nach der Materialbeschaffung. „Man muss um die Ecke denken“, sagt Sonja. „Ich verwende anstelle von Leinen manchmal alte Mangeltücher. Jeder findet seinen eigenen Standard. Ich bemühe mich, möglichst authentisch zu sein. Im Material und in der Verarbeitung. Trotzdem kommt Fischbein nicht in Frage. Stoffe, die mit historischen Farben gefärbt sind, gibt es wenige. Arsen darf halt nicht mehr verwendet werden“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Und wenn sie historisch authentisch gefärbt sind, sind Stoffe leider sehr teuer.“ Trotzdem hat sie gerade für ihr Merveilleuses-Outfit ein mit Walnuss-Schalen gefärbtes Wolltuch verarbeitet. Für ihre Kleidungsstücke verwendet sie vor allem Baumwolle, Leinen und manchmal Seide. Die Auswahl der Stoffe hat meist auch mit der von ihr verkörperten Persona zu tun und deren sozialen Rang.

Dies sind einige ihrer Stoffquellen:

Renaissance Fabrics

Dutch Fabric

Pure Silks

Naturtuche

Ob alle Reenactors ihre Kleidung selbst nähen, ist meine nächste Frage. „Nein. Es gibt Schneider, man kann sich Dinge auch anfertigen lassen. Das ist dann natürlich sehr teuer, wenn es handgemacht ist. Oder günstiger und mit der Maschine genäht. Die meisten Schneider führen Wartelisten. Aber die Leute sind dann eben auch gewillt zu warten. “ Im Militär-Reenactment macht sie einen ausgeprägteren Trend zu maschinengenähten Uniformen aus, sonst würde aber die Handarbeit überwiegen.

„Wie entstehen Deine Kleidungsstücke? Woher kommt die Inspiration“, frage ich sie.

„Meistens von Gemälden oder Mode-Kupfern der Zeit. Besonders, wenn dann eine Freundin sagt: ‚Guck mal, die Frau auf dem Gemälde sieht aus wie Du.‘ Ab und zu auch von Ausstellungsstücken in Museen.  Mittlerweile sind große Museumsbestände online einsehbar. Und Pinterest ist dann ein gutes Mittel, die Bilder zu organisieren.“

Ladyworsley

„Habe ich mich für eine Vorlage entschieden, ist die Frage: Kopiere ich das 1:1 oder variiere ich innerhalb historischer Parameter. Die Quelle für mein Riding Habit ist natürlich das Portrait von Lady Worsley. Aber in der Ausgestaltung der Uniformdetails habe ich dann auf die Uniform der Coldstream Guards zurückgegriffen.“

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coatee

„Wenn die Idee steht, suche ich online, ob jemand das vielleicht schon genäht hat und welche Schnitte sie benutzt haben. Es gibt Leute, die können vom Gemälde allein schon die Schnittform ableiten. Das kann ich noch nicht. Dann geht’s an die Materialdiskussion: Welchen Stoff und wie viel davon? Ich besorge mir Schnitte, die zur Vorlage passen. Heißt meistens: pdfs zusammenkleben. Dann müssen die Schnitte natürlich auf meine Figur angepasst werden. Das Probeteil nähe ich meistens mit der Maschine. Einer Adler Superba von 1957. Die ist einfach zu bedienen und unkaputtbar. Wenn’s passt, trenne ich das Probeteil wieder auf und messe dann daran ab, wie viel Stoff ich brauche. Dann wird bestellt. Und gewartet.“

„Schnell noch was für eine kommende Veranstaltung nähen geht meistens nicht“, sagt sie. Man müsse länger im Voraus planen, da Stoffe und andere Zutaten mit unter lange Lieferzeiten hätten. Und die Herstellung natürlich auch. „Trotzdem fängt man immer zu spät an … Und wenn ich dann einen besonders teuren Stoff da liegen habe, dann trau ich mich lange nicht, den anzuschneiden.“

Was das Handnähen auszeichnet, will ich wissen. „Handnähte sind fester und zugleich flexibler. Beim Maschinennähen muss man immer fünf Schritte voraus denken. Mit der Nadel kann ich auch mal schräg stechen und etwas noch miterwischen. Man hat mehr Kontrolle. Außerdem ist es viel leiser und transportabler. Man braucht nur das Nähköfferchen mitnehmen. Allerdings muss ich nach dem richtigen Garn schon manchmal lange suchen. Polyester-Garn nehme ich nicht. Das gibt auch viel zu sehr nach. Aber natürlich dauert das Nähen mit der Hand viel länger. An aufwändigen Stücken arbeite ich schon mal mehrere Wochen, immer mal wieder. Anderes ist in ein paar Tagen intensiver Arbeit fertig. Beim Redcoat hab ich tagelang nur an den Verzierungen gesessen.“

Ich inspiziere ihr selbstgemachtes Nähkästchen und stoße auf: einen Knopflochmeißel und die dritte Hand, auch Sewing Bird genannt. Einen Halter, der ein Ende des zu nähenden Stoffs festhält. Mit einer Hand wird der Stoff dann auf Spannung gehalten, mit der anderen genäht.

sewingbirdohnesewingbirdknopflochmeissel

Ob es üblich ist, gemeinsam an den Kleidungsstücken zu arbeiten, will ich wissen. „Jein. Fürs Überprüfen der Passform wird schon mal Skype benutzt. Mit Freundinnen, die wissen, was mir steht. Es gibt aber auch eine Gruppe von Frauen mit denen ich mich zu Sewing Bees treffe: Das Nähkästchen und das Stück, an dem man arbeitet. Ist ja nicht viel zu transportieren. Und irgendwie haben wir alle Katzen. Aber ich habe auch einen hohen Verschleiss an Krimis, die ich dann beim Nähen schaue.“

Und zu welchen Gelegenheiten, an welchen Orten trägt sie die selbstgenähten, historischen Kleidungsstücke? „Es gibt große öffentliche Veranstaltungen. Verschiedene Orten haben verschiedene Ausrichtungen. Im Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen z.B. geht es eher ums bäuerliche Milieu. Bei den Barock-Tagen im Schloss Bückeburg wird adeliges Leben nachgestellt. In Clemenswerth gibt es eine barocke Jagd. Auch die Zeitreise ins 18. Jahrhundert auf Schloß Fasanerie in Eichenzell ist ein großer Treffpunkt. Es gibt aber auch privat organisierte Veranstaltungen, auf die unter Umständen lange hingespart wird und die natürlich auch an historischen Orten statt finden.“

Da ich Sonja im realen Leben als untriebigen Freigeist erlebe, frage ich mich – und sie – als wer sie denn im Hobby unterwegs ist. Ob sie eine bestimmte Persona hat. „Im Militär-Reenactment bin ich als Mann unterwegs. Als einfacher Soldat. Bei so Living Histora in Freilichtmuseen ist man zwar offiziell jemand, aber eigentlich hat man die Erklärbär-Funktion und switched erklärend zwischen unserer und der historischen Realutät.

Im zivilen Bereich bin ich eine Wandermalerin. Da war’s schwer einen Status zu finden, der nach den gesellschaftlichen Regeln der Zeit für eine alleinstehende Frau möglich war. Im Reenactment sind oft Paare unterwegs. Wenn die auch als Paar auftreten, stellt sich für die Frauen das Problem nicht. Aber eine unbegleitete Frau ist im 18. Jahrhundert eine Anomalie. Ich hab dann recherchiert und festgestellt, dass es neben Angelika Kauffmann durchaus noch andere Malerinnen im 18. Jahrhundert gab. Die waren dann ein bißchen Vorbild. Zum Glück nehmen wir es mit den gesellschaftlichen Normen nicht ganz so genau, sonst bliebe mir der Zugang zu manchem Treffen verwehrt. “

Schokoladenmädchen

Bild mit freundlicher Genehmigung von Michael Zock.

Sie näht aber nicht nur für diese beiden Identitäten, sondern auch für andere Herausforderungen. Im Dezember ist im Rahmen eines über Facebook organisierten Jahresprojekts ein ganzes Männer-Outfit nach einer französischen Modekupfer-Sammlung fertig geworden. Mehr dazu und zu ihren anderen Werken findet Ihr übrigens auf ihrem blog.

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reenactment vernet merveilleuses

Ich frage sie, ob sich ihr Geschichtsverständnis im Laufe der Beschäftigung mit dem bevorzugten Jahrhundert verändert hat. „In jedem Fall. Es ist eine unglaubliche Ergänzung zu dem, was ich aus der Realschule mitgenommen habe. In der Schule war das Militär grundsätzlich böse. Das stellt sich jetzt durchaus differenzierter dar. Außerdem stellt sich beim Recherchieren mancher regionale Bezug her. Geschichte hat auch hier statt gefunden. Vor allem hat sich aber mein Blick auf unseren Alltag gewandelt, weil ich mich mit dem Alltag im 18. Jahrhundert beschäftigt habe. Wir haben all diese Helferlein – Waschmaschine, Spülmaschine, elektrischer Herd – und trotzdem nie Zeit. Wie viel Zeit aber damals allein für die Verrichtung alltäglicher Dinge gebraucht wurde … keine Zeit haben ist wahrlich ein Luxusproblem. Ich hab ja nun eine Vorstellung, wie lange es gedauert hat, Kleidung herzustellen. Ich hab ein ausgeprägteres Gespür dafür, dass manche Dinge Zeit brauchen. Und eine neue Wertschätzung für Handarbeit. Du verbringst Dein Leben einfach anders, wenn Du nicht hetzt.“

Spannende Dinge, die ich nebenbei erfahre, während wir ihre Kleider betrachten:

  • Viele Oberteile bei den Damen wurden nur mit Nadel zugesteckt. Auch bei den oberen Schichten. Das braune Seidenjäckchen im Bild oben ist z.B. nur zusammengesteckt. Dadurch konnten einzelne Teile ausgetauscht werden, ohne das, das ganze Kleidungsstück auseinander gerupft werden mußte.
  • Das Verstürzen von Nähten kommt erst am Ende des 18. Jahrhunderts auf. Bis dahin wurden die Kanten an den Säumen nach innen eingeschlagen und beide Lagen mit einem kleinen, dementsprechnd sichtbaren Stich zusammengenäht.
  • Auch bei historischen Prunkroben ist das Innenleben oft zusammengestückelt. Eine Technik, der sich die meisten nähenden Reenactors auch bedienen. Und auch die rückwärtigen Rockteile, die von einer weiteren Lage stoff bedeckt sind, sind oft gepatchworkt. Stoff war so teuer, das auch beim Adel beim stoffverbrauch geknausert wurde.
  • Viele Kleidungsstücke werden aus rechteckigen Stücken zusammengesetzt. Komplizierte Schnittteile sind unüblich.

Zur weiterführenden Lektüre empfiehlt Sonja

  • für Kleidungs um 1800 – den blog von Sabine Schierhoff
  • für einen weiteren zeitlichen Rahmen – den blog von A. Bender
  • Der elegante Theetisch ist ein Kochbuch von Goethes Gartennachbarn Francois le Goullon
  • Patterns of Fashion von Janet Arnold

Mir hat es das braune Seidenjäckchen mit den Aufschlägen am Ärmel (Prada, anyone?) und dem Schößchen sehr angetan. Und ich bin mit großer Lust auf mehr Verzierungen aus unserem Gespräch gegangen. Allerdings werde ich meiner Maschine doch treu bleiben.

Und Ihr so?