ES IST AN DER ZEIT!

Die ersten Narzissen blühen schon, echt jetzt, an der großen Kreuzung nach Elsey. Ich hab’s mit meinen eigenen Augen gesehen. Die Vögel zwitschern morgens wieder lauthals. Es ist auch nicht mehr stockduster, wenn frau um acht aus dem Haus geht.

Es ist also wirklich an der Zeit, sich Gedanken über die Frühjahrs- und Sommergarderobe zu machen.

Quasi, moralisch verpflichtend. Je mehr wir jetzt darüber nachdenken, desto schneller kommt das Frühjahr. I promise.

Gut, Frühjahrs- und Sommergarderobe: Wo anfangen?

Schritt 1: Stimmung

Vorfreude ist die beste Freude.

Frau nehme sich also ein Heißgetränk ihrer Wahl, Stift und Papier oder irgendein digitales device und begebe sich an einen ruhigen Ort. Stellt Euch einen Timer auf 15 min. und schreibt los. Und zwar beantwortet Ihr diese Fragen:

Wie wollt Ihr Euch diesen Frühling, diesen Sommer fühlen? Wie sieht der perfekte Frühling, der ideale Sommer aus?

Zensiert Euch beim Schreiben nicht und versucht, die kleinen Sinnenseindrücke, die vielleicht aufblitzen, festzuhalten.

Anschließend: kaltgewordenes Getränk wieder erhitzen und zum Tagesgeschehen übergehen.

Ein paar Tage später: Bilderrecherche, in Euren bevorzugten Medium. Gaaaanz wichtig: Sucht keine Bilder von Kleidern. Was Ihr sucht sind Bilder, die die Stimmung wieder geben, die Ihr im Kopf habt. Auf denen man die Pinien schon riechen kann, den Fluß, das frisch gemähte Gras …. Stellt im wahrsten Sinne des Wortes ein mood-board zusammen.

Schritt 2: Get real!

Nach dem Ausflug nach Phantasia kommt jetzt der Realitätscheck.

Was genau liegt an in den nächsten Monaten?

Was müßt Ihr tun?

Was werdet Ihr aller Voraussicht nach tun?

Was wollt Ihr tun?

Mithin: welche Einladungen stehen ins Haus? Welche Termine bringt der Job mit sich? Welchen hobbies geht Ihr verstärkt in diesen Jahreszeiten nach? Wohin wird’s im Urlaub gehen? Was macht Ihr täglich?

UND: welche Anforderungen stellt das alles an Eure Garderobe? UND: Wie viel Zeit habt Ihr realistisch zum Produzieren?

Auf meiner Liste sind 1 Ball, 2 Konfirmationen, ein Jobwechsel in eine ganz andere Branche, ein Kurzurlaub mit Festabend in Frankreich, Urlaub am Meer, viel home-office und Leben mit Kind. Hoffentlich wieder mehr paddeln. Diverse Geburtstagsparties, die re:publica.

WAS heißt das für meine Kleidung?

Sie muß vor allem nach der Herstellung nicht noch mehr Arbeit machen: also keine empfindlichen Stoffe, nix mit Handwäsche. Sie muß bequem sein – also in der Mehrzahl – und trotzdem gut aussehen. Gerade für die absehbare Gaunerklamotten-Falle Home-Office will ich gewappnet sein. Ich mag’s zwar, gleich nach dem aufstehen eine Stunde zu schreiben, aber den ganzen tag im Schlafi zu verbringen hinterläßt kein besonders professionelles Gefühl bei mir. Ich brauche Kleidungsstücke, die sich mit dem, was ich schon habe gut kombinieren lassen und die meinen Style-Faktor ein bißchen anheben. Ich sag nur: Wohlfahrtsverband ade.

Wenn ich nach meiner momentanen zeitlichen Belastung gehe, die sicher nicht weniger wird, dann sind 2 Abende à 3 Stunden realistisch. Plus vielleicht noch mal 6 Stunden über zwei Wochenenden verteilt. Mehr ist zwar möglich, aber bis zum Anschlag planen, wenn ich gar nicht abschätzen kann, welche Anforderungen der neue Job stellt, ist unrealistisch. Und vor Mitte März komme ich sowieso nicht dazu anzufangen. Also habe ich max. 135 h zum Nähen zwischen Mitte März und Ende Juli. Klingt viel, ist es aber nicht, wenn ich mein übliches Arbeitstempo ansetze.

Schritt 3: Bestandsaufnahme

Was ist schon da?

Was ist schon im Kleiderschrank? Was braucht es also nicht? Was braucht es ggf. zur Ergänzung? Was harrt in der Problemnähkiste auf eine Lösung? Ist das schneller zu retten, als ein ganz neues Teil anzufangen? Welche Schätze schlummern im Stoffvorrat? Welche Schnitte habe ich im Fundus, die schon angepaßt sind bzw. leicht variiert werden können? Welchen Schnitt WILL ich schon ewig nähen?

Vergleiche ich zum Beispiel die Anzahl von Röcken mit der Anzahl von Oberteilen, dann ist definitiv klar, daß Röcke nähen diesen Sommer keine Priorität haben sollte. Oberteile müssen her. Und zwar ganz strategisch solche, die zu den vorhandenen Röcken passen.

Ich bin seit der anNÄHerung wieder ganz vernarrt in die Idee, einen Trenchcoat zu nähen (ja, Tine, I’m looking at you). Allerdings habe ich einen tollen Frühjahrsmantel UND ein halbfertiges Anise-Jacket aus einem sündteuren Stoff. Meine „Burberry-Kopie“ sollte also nicht auf Position 1 der Nähliste stehen. Sollte ich tatsächlich noch zum Trench kommen, dann wäre drauf zu achten, daß er in der Länge zu allen Röcken paßt.

Ich trage seit einer Weile auch wieder gerne Hose. Was sich nicht in der Zusammensetzung meines Kleiderschranks wiederspiegelt. Da sind genau zwei gekaufte Hosen drin und die sind on heavy rotation. Ich bin noch unschlüssig, ob ich mich der Herausforderung Hose selber nähen stelle oder ob ich einfach das jetzt gefundene, gut sitzende Kaufmodell noch mal nachordere. In jedem Fal werde ich wohl eher in noch eine Hose als in noch einen Rock investieren.

Am Ende von Schritt drei solltet Ihr einen gute Struktur haben:

Was WILL ich? Was brauche ich NÖTIG? Was kann ich realistisch SCHAFFEN?

Schritt 4: Sammellust

Zurück nach Phantasia, oder Pinterest oder wo immer Ihr Eure Klamotteninspirationen hernehmt und aufbewahrt. An einem Ort alles sammeln, was Euch an tollen Klamotten / Details unterkommt. Anything goes. Jetzt gerade ist nicht der Zeitpunkt zum kritisichen Abwägen. Jetzt soll wieder geschwelgt werden. Am Ende solltet Ihr einen reichen, auch für euch selbst überraschenden Fundus an textilen Ideen haben.

Schritt 5: Putting it all together

a.) Gnadenlos aussortieren. Und zwar alles raus, was nicht das Herz höher schlagen läßt, sondern nur irgendwie nett ist.

b.) Für die verbleibenden Inspirationen genau definieren, was gefällt: Kragendetails, Farbe, Materialkombination …

c.) Zuordnen: Jetzt wird’s puzzelig.

Welche Kleidungsstücke, Schnitte, Materialien entsprechen am ehesten der Stimmung, der ich nachspüre? Welche Schnitte, Details, Materialien lassen sich zum Vorhandenen gut kombinieren? Welche bereits angepaßten Schnitte kann ich unaufwendig abwandeln, um mein Traumoutfit zu realisieren, um Zeit zu sparen? Was sind die drei Teile, die mir das anziehen morgens an herausfordernden Tagen erleichtern würden?

Schritt 6: Schreib’s auf, kleb’s auf, pack’s zusammen

Bis Schritt 5 war ich gedanklich letztes Jahr gekommen, allerdings unter völliger Mißachtung tatsächlich vorhandener Zeit. Ich hatte es aber versäumt, meine einzelnen geplanten Kleidungsstücke auch wirklich zu verschriftlichen und gleich zusammen zu packen.

Also: Für jedes geplante Stück einen Steckbrief machen: Schnitt drauf, Stoffprobe drauf. Deadline drauf. Einkaufsliste dazu, wenn noch Zutaten fehlen. Die Steckbriefe gut sichtbar im Nähzimmer aufhängen oder im Kleiderschrank.

Durchsichtige Plastikkiste mit Deckel besorgen, vorhandene Schnitte und Stoffe in der festgelegten Reihenfolge reinlegen. Vorhandene Zutaten dazu. Obendrauf: Aufgabenliste: was ist noch zu kopieren? Was ist noch zu einzukaufen? Dazu: Zeitleiste mit allen Deadlines und allen anderen wichtigen Terminen, die einem die Nähzeit fressen. (Pro-Tipp: Mehr Zeit ansetzen, als Ihr denkt Ihr denkt, daß Ihr braucht. Zeit übrig lassen, für die Lustprojekte, die sich in jedes geplante Projektdurchziehen einschleichen. After all: it’s a hobby, not work.)

Starttermin festlegen. Anfangen. Vor allem Anfangen.