Natürlich brauchte ich keinen Stoff.

Schließlich ist hier  gerade erst der Einkauf in London dokumentiert worden. Und davon ist erst ein Stoff angeschnitten. Außerdem habe ich diese Stoffwechsel-Schätzchen zu verarbeiten.

Aber die Aussicht zusammen mit einer Menge sehr netter Nähnerds an einem Samstagvormittag bei einem Grosshändler in Krefeld (!) in Stoffen zu stöbern, die weder der heimische, noch sonst ein Stoffdealer bevorratet, ließ mich dann doch das Auto entern und die lange Fahrt quer durch das samstäglich ruhige Ruhrgebiet nehmen (ich sach nur: A 40 und kein Stau!).

Während ich also bei überschaubarer Verkehrslage durch den sonnigen Vormittag kurvte, ging ich innerlich meine Liste der Stoffe, die mir dringend noch fehlen, durch:

1.) Stoff für ein Abendkleid für die letzte NIX FÜR LEMMINGE Herausforderung.

2.) Stoff für ein BÖSE-KÖNIGIN-Kleid

3.) weinroter Wollstoff

So weit, so übersichtlich.

Uns erwartete ein nüchterner Industriebau in einem unspektakulären Gewerbegebiet – aber hey: runtergerockten genius loci hatte ich gerade in London erst. Auch der Show-Room von Fashion for Designers kommt  sehr aufgeräumt und nüchtern daher. Ein paar Ständer, auf denen Stoff-Coupons drapiert sind. Zwei Regale mit Futter und Duchesse in allen leckeren Farben des Universum. Ein paar schön gefaltete und nett plazierte Coupons.

Die tatsächliche Vielfalt verbirgt sich in den tausenden von Griffproben, die auf kleinen Pappbügel dicht gedrängt hängen. Ein Muster meist in mehreren Farbvarianten durchdekliniert. Manchmal auch in verschiedenen Mustergrößen.

Aber erstmal heißt es auf die Party-People aus Köln zu warten. Dann werden wir freundlich begrüßt von zwei Mitarbeitern der Firma Devetex und dem Geschäftsführer persönlich. Eine ausgesprochen nette Crew, wie sich im Laufe der nächsten 4 Stunden herausstellen wird. Die großzügig abmißt, der man die Begeisterung für die eigenen Produkte deutlich anmerkt und die jede Menge über ihre Stoff zu erzählen haben.

„Das ist übrigens ein Stoff, den Lena Hoschek auch verarbeitet hat!“

„WAAAAS?“

Her damit! Und während sich eine Menge Nähnerds auf diesen Stoff stürzen, freue ich ich klammheimlich, daß ich den letztes Jahr in Paris in der blaugrundigen Version (2. von l) als Coupon schon ergattert habe. Natürlich auch noch nicht verarbeitet.

musterimhaus

Mich haben erstmal die Stoff-Coupons angezogen. Ich muß Stoff doch wenigstens einmal um meinen Hals legen, bevor ich mich zum Kauf entscheiden kann. Ich schätze, ich hatte jeden stahlblauen Stoff, der da war, einmal um. Mitgenommen habe ich diesen hier  für das zu entwerfende Abendkleid.

allouteveningglamour

Ein flatteriges, halbdurchsichtiges, glänzendes Stöffchen. Ganze 5 m. Das wird dann wohl nix Strukturiertes.

Punkt 1 check. Punkt 3 hatte sich schon nach der Begrüßung erledigt. Devetex hat eine Menge zu bieten – ich werde gleich noch vom Futter schwärmen – aber Wollstoffe sind definitiv nicht im Programm.

Damit fiel dann schon mal mein jahreszeitliches Beuteschema aus: kein Kuschelkaschmir, keine Wohlfühlwolle. Das, was meinem winterlichen Kuschelbedürfnis noch am nähesten kam, war dieses hier:

beautifulsamt

Stretchy Samt. Luzie hatte an diesem Tag das Dodo-Kleid in Jersey an. Vielleicht sollte ich das mal mit dem Samt versuchen? Oder daraus das BÖSE_KÖNIGIN-Kleid zaubern?

Wie findet mensch sich bei dieser immensen Auswahl zurecht?

Ich merkte, daß ich nach ungefähr 15 Griffproben überhaupt nicht mehr überlegte. Es dauerte immer nur Bruchteile von Sekunden: Meins. Nicht meins. Eine Menge war nicht meins. Digiprints und ich das will nicht so recht funken.

Barocke Blumenmuster und ich dagegen schon. Da sich mein Stoff für das BÖSE-KÖNIGIN-Kleid beim Trocknen selbst ausgeknockt hat, habe ich einen herrlichen Ersatz bestellt. Der muß nun leider erstmal aus Spanien herkommen. Seufz! Ich glaube, ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele Blumenmuster hintereinander angesehen. Trotzdem kann ich bis auf die barocken Blumen immer noch nicht benennen, welche Blumen ich nun mag und welche nicht. Aber wenn ich sie sehe, weiß ich es.

Insgesamt bestätigte mir dieser Aussuchmarathon aber, daß mich vorrangig Farbe und Textur anziehen.

Zwei Stoffe zog ich aus der Vielfalt und mußte sofort Frau AlleWünscheWerdenWahr rufen, denn jedes Mal waren das genau ihre Farben.

Apropos Farben. Das war wirklich ausgesprochen beeindruckend zu sehen, wie sich Luzies Gesicht veränderte mit der jeweils daneben gehaltenen Farbprobe des gleichen Stoffs. Und welche Sonnenschirmchen gewonnen haben, seht Ihr demnächst auf ihrem blog.

Köstlich auch, die Stapel auf den Armen der jeweiligen Käuferin zu betrachten, dann auf die gerade getragene Kleidung zu gucken und zu denken: jo, kann gar nicht anders. Eine wirklich wilde Mischung von Mustern zum Ende in einer Einkaufstasche und trotzdem waren die Farben so perfekt aufeinander abgestimmt, das jedes Muster mit jedem anderen hätte zusammen gehen können. Ein Stoff, mit dem die Küchenfensterbank dekoriert war, den ich in jedem Fall links liegen gelassen hätte und der doch gleich von 2 ladies begehrt wurde.

Und damit kommen wir dann noch zur Auswahl an Futterstoffen. Sweet lord Jesus. Ich habe mich ja im Februar sehr gut mit schönem und sogar leicht gemustertem Futter in Verl eingedeckt, aber ich war schwer in Versuchung ordentlich Seidenfutter zu ordern. Oder welches mit wilden Mustern. Oder welches mit Toile. Oder welches in allen Farben des Regenbogens. Statt dessen hab ich einfach nur zwei Coupons mitgenommen. In Farben, die ich schön finde, die ich aber nicht tragen kann. Also jedenfalls nicht außen. Innen geht ja alles.

Also, Futter-Fetischisten: Wer das ultimative Futter sucht, wird hier fündig. I bet you.

Eigentlich gehe ich immer alleine Stoff kaufen. Ich geh auch schon so gut wie immer alleine Klamotten kaufen. Also war unser NähNerd-Gruppeneinkauf eine ganz neue Erfahrung für mich. Eine, die ich jederzeit wiederholen würde. Einerseits wegen der hinreißenden Beratung – von entschiedenem Kopfschütteln über wohlabgewägte Beurteilungen bis zu Ermunterungen, mal die eingeschlagenen Schneisen zu verlassen. Andererseits wegen der Fachsimpeleien am Rande. So ein richtig guter, großer Zuschneidetisch und ein bißchen Wartezeit sorgen doch für jede Menge Austausch. Den ich nicht missen möchte.

Die Fachsimpelei und die wunderbaren Gespräche gingen beim Abendessen zurück in Köln weiter. Ganz herzlichen Dank an Susi und Karin für die Organisation dieses gelungenen NRW-Näh-Gipfels mit kleiner süddeutscher Delegation. Wir sollten das zum Frühjahr hin wiederholen. Und gleich nach den aktuell von Lena Hoschek verarbeiteten Stoffen fragen.

Vielen Dank aber auch an die drei netten Menschen vor Ort, die hoffentlich auch so viel Spaß hatten wie wir.