Prologue:

Ich hatte mir das ganz romantisch vorgestellt. Irgendwo in den Highlands würde ich schon über die eine oder andere kleine Weberei stolpern oder über einen wirklich toll sortierten Laden und da würde ich nach Herzenslust Tweed und Tartanstoffe kaufen. Ich meine: schließlich kriegt man ja an jeder Straßenecke „günstige“ Kaschmirpullis, Tweedsakkos und Kilts angeboten. Die müssen ja irgendwo herkommen. Right?

Tja. Wenn’s auf dem Festland so was gibt, dann taucht es wohl wie Brigadoon nur einmal alle 100 Jahre aus dem Nebel auf. Und Nebel hatten wir nur an zwei Morgenden.

Gut. Man empfahl mir also: entweder online oder in Edinburgh bei Edinburgh Fabrics.

Und wir hatten ja einen halben Tag in Edinburgh. Mindestens. Ich schaute also noch mal kurz auf den Stadtplan (hey, ich war schon drei Mal in Edinburgh und ich habe mit einer Ausnahme alle Inspector Rebus Krimis gelesen, ich kenn mich also aus) und stiefelte so gehen halb vier los. Nur um dann so gegen sechs von einer sehr netten Verkäuferin in einem Wollladen darauf hingewiesen zu werden, daß ich auf der falschen Stadtseite war. Ich hätte schön mit dem Rest der Truppe zur Burg laufen sollen – vielleicht hätten die dann den Weg auch im ersten Anlauf gefunden – un dann auf Höhe der South Bridge nach rechts abbiegen müssen. Tja. Ich wär dann so 15 min vor Geschäftssschluß im Laden gewesen.

Gut, dann eben nicht. Wenigsten waren wir dann seeeehr gut essen. Dazu mehr in einem der nächsten posts.

stoff_kaufen_in_london

Was blieb? LONDON. Natürlich.

In der Hauptstadt des Tailoring würden die Geschäfte ja sicher überfließen vor tollen Tweeds, Wollstoffen und dem einen oder anderen karierten? Right? Ich folgte also dem Guardian Artikel über die 10 besten Stoffläden GBs in die Goldhawk Road. Denn da gibt es nicht nur einen Stoffladen, sondern ein Dutzend. Mindestens.

Ich ließ den Rest der Familie auf dem Pricess Diana Memorial Playground in Kensington Gardens zurück und nach einer knappen Stunden strammen Fußmarsches durch Kensington, Notting Hill und Holland Park war ich schließlich in Shepherd’s Bush. Der Place St Pierre in Paris ist ja schon nicht eben gerade gut gepflegt, aber die kleinen Häuschen entlang der Goldhawk Road sind doch definitiv schäbbig. Aber gut. Nicht nach der Verpackung urteilen. Ich will ja Stoff kaufen. Und kein Wohneigentum.

Das erste Schaufenster, in das ich blicke, platzt beinahe vor Farbe. Nur afrikanische Stoffe. Yeah! Prompt schließt man mir die Türe vor der Nase zu. Was, schon so spät? Ich blicke auf mein Handy. Ich hab doch auf Ortszeit umgestellt. Besorgt haste ich zum nächsten Laden. Es ist jetzt 5. Man beruhigt mich. Es würde erst um 6 geschlossen. Eigentlich. Ooookay.

ballerinarock

Damit ist dann mein Plan, erstmal in Ruhe zu kreisen und dann zu kaufen – so wie letztes Jahr in Paris – Makulatur. Gut. Ich gehe noch mal meine Liste durch. Diverse Wollstoffe für F/W14-15. Einen neuen Böse-Königin-Stoff, weil der ausgewählte beim Waschen ausgefärbt hat. Ggf. ein bißchen Tüll, denn ich will ja schon ewiglich einen Ballerinarock. 1,2 schöne afrikanische Stoffe.

Ich sehe mich um. Laden? Wohl eher Lager. Amazing Fabrics stand über der Tür. Das verspricht nicht zu wenig. Ausbrennersamt mit Ombré-Effekten in 10 verschiedenen Farben. Durchsichtiger, pinker Kunststoff – vielleicht für einen see-through-clutch? Spitze in allen Farben der Welt.  Kurz: ich fühle mich wie Aladdin in der Räuberhöhle. Ein unglaubliches Durcheinander unglaublich verführerischer Stoffe.

Nur: Kein Tweed. Kein Karo. Kein Nadelstreifen. Und insgesamt vielleicht 7 Wollstoffe. Vielleicht ist das einfach ein Zeichen, daß ich eigentlich so ein Downton Abbey Kleid aus petrolfarbenem Seidensamt brauche?

Okay. Raus und in den nächsten Laden. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Das gleiche Durcheinander. Aaaah. Der Vlisco-Stoff mit den pinken Sternen, den ich auch für Muster_Mix ins Auge gefaßt hatte, aber aus finanziellen Gründen dann gelassen hab. Nee. Halt. Das ist nicht Vlisco. Das ist ein rip-off. 15 Pfd. Na gut. Du kommst mit. Der ganze Stapel afrikanischer Stoffe lacht mich so auffordernd an. Aber aus der anderen Ecke blitzt ein neonpinker Seidenbrokat mit Drachenstickerei in hellgrün und goldgelb. Das wollte ich doch auch schon immer mal … Atmen! Tweed. Wolle. Karos. Winter is coming.

Die Sterne und dann raus hier.

billigerripoff

Links vor der Brücke werde ich einen Laden finden, in dem es tatsächlich aufgeräumt ist. Die Stoffe liegen in Regalen oder sind als samples aufgehangen. Ansonsten: alles auf engstem Raum auf Rollen ohne erkennbares System. Puh! Die Uhr läuft. Zubehör wie Bänder, Garn, Nieten? Hab ich nicht gesehen. Ich schätze, dafür muß man dann ins Spezialgeschäft für Haberdashery. Und ich wollte doch so Glitzersteine. Hm, vielleicht könnte ich einen ähnlichen Effekt mit meergrünen Paillettenstoff erzielen?

Und aus diesem silbrig-pinken Leder könnte eine hinreißende Couverttasche werden. WINTER! Weiter. Fabrics of the World. A to Z Fabrics.

Die Verkäufer haben durchwegs Haare auf den Zähnen. Die Preise liegen deutlich über Pariser-Niveau – noch bevor ich überhaupt anfange, umzurechnen. Ich bin allerdings auch so doof, die ausgezeichneten Preise als solche hinzunehmen. Als ich mit vollen Tüten ins letzte Geschäft auf der rechten Straßenseite trete, handelt eine formidable Afrikanerin gerade einen Preis für ihre 14 yards Stoff aus, der ungefähr bei der Hälfte des ausgezeichneten liegt. Darn! Spiegel sucht man übrigens vergeblich. So kommt es, daß ich die sieben Meter traumhaften Seidenstoff mit Farbverlauf durch alle Rottöne nicht mitnehme. 80 Pfd. für einen Stoff, den ich an mir nicht gesehen habe? You got to be kidding. Die Stoffqualität erscheint mir nicht immer den Preisen angemessen.

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Insgesamt ist das Stoffangebot riesig,  orientiert sich eher Richtung Asien und Afrika und verführt zu allen möglichen ausgefallenen Kleiderträumen. Mindestens so spannend ist die Kundschaft. Zwei tiefverschleierte Frauen beraten sich hinsichtlich diverser schwarzer Chiffons. Studis mit Notizbüchern sammeln samples und grillen die Verkäufer bezüglich der Qualitäten der Stoffe. Ein Typ im lockeren Sportdress, der von einer handgeschriebenen langen Einkaufsliste 40 m hier von und 40 m davon ordert. Zwei typisch britisch anmutende Moms, die was für ein Hochzeitsgastoutfit suchen. Eine punkig angezogenen End30erin, die ohne zu zucken fast 200 Pfd für 4 m gallegrüner Seide hinlegt.

Ich war am Ende 80 Pfd los. Also deutlich mehr als in Paris. Für weniger Stoff. Kein Tweed. Kein Wollstoff. Dafür die Schönheiten, die Ihr zwischendurch gesehen habt.

irisch_handgewebt_geschenkt

Zum Glück hat man ja Freunde. Und so versorgte mich Margeret mit dieser irischen handgewebten Köstlichkeit. Achselzuckend. Bei ihr läge es eh nur noch im Schrank. Sie sei jetzt too old and dowdy. Ich gedenke, daraus ein Westwood-inspiriertes Jackett zu zaubern. Und Tweed? Naja, da gibt’s ja noch TURM-SToffe in Iserlohn.