Stoff kaufen am Place St Pierre in Paris. Wo fange ich an?

Mit dem Hinweg? Den bedrückenden Bildern während der eineinhalb Stunden Stau auf der Periferique? Zeltsiedlungen auf dem Autobahnseitenstreifen. Die armseeligen Klamotten, die unter der Fußgängerbrücke liegen auf der ein ebensolch armseeliger Flohmarkt statt findet. Die Wohnsilos und unglaublichen Mieten noch in Montrouge. Mein Sohn, der mit Erschrecken in der Stimme sagt: Da schläft ein Junge auf der Straße. Und das keine 500 Meter vom Eiffelturm entfernt.

Unsere kleine Spritztour nach Paris, mein Unterfangen, dort Kleiderstoffe kaufen zu wollen, das Konzept Großstadt: mit einen Mal erscheint das pervers. Menschenverachtend. Paris, die Schöne? In dem ich mich ihr nähere, zeigt sie mir ein häßliches Gesicht. – Und über unsere Nacht im Hotel lege sich der Mantel des Schweigens. Grauenvoll soll genügen.

Dann aber doch: Wir parken am Musée de Quai Branly, kommen am frühen Samstagvormittag aus dem Parkhaus nach oben und finden uns in einem taufrischen, herrlich versponnen angelegten Park unter und um das Museum herum. Endlich Spielraum fürs Kind. Der tobt dementsprechend  begeistert zwischen sounddesignten Lauben und Winkeln. Außer dem Gärtner und uns niemand unterwegs. Die Schöne steht nicht früh auf am Wochenende.

Ich begleite meine Männer bis zum Eiffelturm. Kleine Photosession auf einer der Brücken davor. Dann marschieren die Männer los zu ihrer Führung und ich stapfe zum Trocadéro hinauf, um die U-Bahn zu nehmen. Natürlich erst nachdem ich eingehend das beeindruckende Programm am Théâtre National de Chaillot aufgesogen habe. Hier ein Abo haben. Das ist eben auch Großstadt. Und Métro fahren ist echt günstig. Take that, VRR. Zwei mal umsteigen und schon bin ich da. Hatte ich schon gesagt, daß es sauheiß ist?

Alles styling, zu dem ich in diesem Horrorhotelzimmer noch fähig war, nach einer Gewitternacht mit nicht schließendem Fenster und nicht schlafendem Kind – ist dahin. Sei’s drum. Ich will ja keinen Modellvertrag. Nur Stoff. Die tausend anderen Menschen, die sich die Straße mit mir hinaufdrängen, wollen aber keinen Stoff kaufen. Die wollen Sacré Coeur gucken. Merke ich an der nächsten Kreuzung. Aufatmen. Nächster kleiner Schock? Ich komme an diversen geschlossenen Stoffläden vorbei. Sollte ich was übersehen haben? Haben sich etwa alle Pariser Tuchhändler auf einen Streik ausgerechnet an dem Samstag geeinigt, an dem ich … ich komme um die Ecke und atme aus. Nein! Am Place St Pierre ist alles offen. Bingo!

Ich habe mir einen genauen Einkaufsplan gemacht. Ich habe ein klar begrenztes Budget. Ich habe mir geschworen, mir erstmal einen Überblick zu verschaffen, ehe ich irgendwo irgendwas kaufe. Erst Tissus Reine und Dreyfus und dann die kleinen Coupon-Läden. Das ist mein Mantra. Ich schaffe es, an drei Läden vorbei. Beim vierten gehe ich vorsichtshalber doch mal rein. Man weiß ja nicht, was man verpaßt.

Goldgelbe Seide mit Twillstruktur springt mich an. Wunderbar schwere Qualität. Akzeptabler Preis. Aber wofür? Das ist so gar keine Farbe, die mir steht. Und für den Mann? Den Hauch des Gedankens, daraus die Nehru-Jacke zu versuchen, die kurz vor der Hochzeit mal im Raume stand … den Hauch verwische ich gleich wieder. Nein, nein. Schön, aber nicht für mich. Nicht für uns. Der Mann will ein neues Hawaiihemd und ich weinroten Wollstoff für einen Trenchcoat à la Burberry. Die neon-pink-silbernen Jacquard-Rosen nehme ich kurz mit zum Spiegel – aber nein. Nein. Keine Chance. Außerdem kratzt der Stoff und riecht fürchterlich nach Chemie. Ich habe  einen selbstgewählten Auftrag und werde mir jetzt mal beweisen, daß ich mich auch an selbst gesetzte limits halten kann.

Tissus Reine: ein großer, lichter, übersichtlicher Raum empfängt mich. Klimatisiert! Danke, ihr Nähgötter. An den Wänden ziehen sich altmodische Holzregale entlang. Da werden die wahren Schätze gebunkert. Ich riskiere einen Blick bei den Hochzeitsstoffen. Wunderbarste Spitzen und Seiden. Würde ich mir jetzt ein Brautkleid nähen müssen, es würde doch vielleicht weiß. Das Mutter-Tochter-Gespann, das gerade eingehend Materialkombinationen prüft, macht mich irgendwie melancholisch. Also sehen wir uns doch mal weiter um. Ich schleiche um den Tisch mit den Liberty-Prints. Auf einem blog hatte ich neulich tatsächlich mal einen Druck entdeckt, den ich richtig toll fand. Ich scanne die Stoffballen. Er scheint nicht dabei zu sein. Ich finde genau zwei, die mir gefallen. Aber echt jetzt: 24 Euro für nen Baumwollstoff? Nee. Ich glaube, ich bin für Liberty’s Reize nicht wirklich empfänglich. Seide und ich – gaaanz andere Sache. Ich wandele zwischen den drei Tischen hin und her. Lasse mir eine smaragdfarbene Schönheit umlegen. Bin in arger Versuchung. Auch bei der chinesischen Seide mit den roten und blauen Drachen. Aber da ist der Plan. Erst der Mantel, sage ich mir. Und – kleine Sensation – ich werde bei Tissus Reine nicht fündig. Vermutlich hätte ich fragen müssen, aber so gut ist mein Französisch nicht mehr. Ich durchstreife drei Etagen, finde jede Menge Begehrenswertes, aber keinerlei Anzeichen von Mantelstoffen. Handtuchstoff (hat vermutlich einen richtigen Namen) finde ich, genau in dem Farbton, der mir vorschwebt. Aber ich will ja keinen Bademantel.

Also irgendwann raus und rüber zu Dreyfus. Da hatte mir die Internet-Recherche ‚polynesische Stoffe‘ und wax prints versprochen. Dunkel und unaufgeräumt und schäbbig ist mein erster Eindruck. Die wax prints entdecke ich gleich, allerdings bei weitem nicht in der erhofften Auswahl und auch nichts dabei, was ich hätte haben wollen. Von Stoffen für Hawaiihemden  nichts zu sehen. Aber dafür jede Menge Auswahl an Karnevalsstoffen. Ich drehe noch eine Runde und beschließe, daß dieser Laden und ich keine Freunde werden und schon stehe ich wieder draußen im gleißenden Sonnenlicht.

Erstmal nen Kaffee, denke ich. Und: einen Blick auf Sacré Coeur könnte ich ja riskieren. Also schlendere ich die Straße hoch. Aber vor der ersten Bar sind alle Tische belegt und ein Blick auf die Preistafel erledigt den Kaffee. Muß nicht. Also gucken und dann zurück. Nun also die kleinen Läden.

Bei Coupons de Saint Pierre herrscht auf engstem Raume ein höllisches Durcheinander und mittlerweile sind auch die Pariser Näherinnen unterwegs. Ein Pärchen mit Cello- und Geigenkasten berät über den richtigen schwarzen Stoff. Konzertbekleidung, vermute ich mal. Ein Grüppchen Afrofranzösinnen kombiniert Muster, die ich nie angefaßt hätte und es sieht schon beim Anhalten grandios aus. Ich stehe schon wieder in der Ecke mit der Seide, denn auch hier keine Wollstoffe. Ehe ich mich versehe hab ich einen Stapel von vier Seidencoupons auf dem Arm. Ich wollte doch nen Mantel … zu diesen vielen Blusenstoffen sollte ich vielleicht doch den interessant strukturieren schwarzen Stoff nehmen, den ich gerade liegen gelassen hatte? Ich wandere zum Mitteltisch zurück und stelle fest, daß jemand schneller war als ich. Eine fast komplett verhüllte Dame hat meinen Stoff schon obenauf auf ihrem Korb. Merde. Dafür erspähe ich beim nochmaligen Umrunden des Tisches einen prächtigen violetten Baumwollsatin und einen rosa-schwarzen Leo-Druck. Na gut, ihr dürft auch mit.

Als ich gehe, habe ich für 12 Meter sehr ordentlichen Seidenstoff und 6 Meter Baumwolle 75 € bezahlt. Das ist ungefähr ein Drittel meines Budgets. Kein schlechter Fitsch, finde ich.

Der absolute Knaller in Sachen Zubehör ist Moline, ein paar Meter die Rue Livingstone hinunter. Beinahe kaufe ich einen Rohling für ein Hütchen und bezaubernde Schleifen. Beinahe kaufe ich ein Pfund Nieten. Beinahe kaufe ich die abgefahrendsten blauen Knöpfe des Universums. Es gibt selbstklebendes Schrägband. Es gibt Federn am Band. Überhaupt Bänder — Nach einer Stunde gehe ich und habe tatsächlich nichts gekauft. Es geht mir wie der Maus im Kaufmannsladen: ich kann mich ob der Auswahl nicht entscheiden. Zu viele, viel zu viele Möglichkeiten.

Es fehlt noch immer der Hemdenstoff für denMann. Also weiter suchen. Mittlerweile schmerzen die Füße und ich habe wirklich Durst wie eine Bergziege. Sei’s drum. Ich finde keinen Hawaiihemdstoff, dafür einen blau-weiß-braun karierten Flanell, der dem eines jüngst verschiedenen Lieblingshemds gleicht. Und dann noch eine lustigeViskose mit stilisierten Papageien drauf für moi.

Jetzt brauche ich nicht nur einen Kaffee, sondern auch was zu essen. Ich hatte auf einen netten Salon du thé spekuliert, aber nichts in fußläufiger Entfernung erspäht. Alles Richtung Sacré Coeur dürfte um die Mittagszeit an einem Julisamstag wohl aus allen Nähten bersten, was macht ein hungriges Mädchen also? Es nähert sich unbefangen der Halle St Pierre. Ehemals Markthalle, jetzt alternatives Kunstzentrum mit Buchhandlung und Gastronomie. Einen doppelten Café crème und eine tarte provencale später geht’s mir schon wieder gut. Keine 200 Meter Luftlinie von einem der Touri-Spots in Paris bin ich mit Kunstmenschen allein. Endlich sowas wie romantisches Bohème-Feeling.  Drei ältere Engländerinnen, denen ich vorher schon mal begegnet war, schauen zwar durch die großen Glasscheiben herein, trauen sich dann aber nicht. Tja, selbst schuld. Mein Kaffee war klasse und kam mit ner Karaffe Wasser und das zu normalen Preisen. Da blieb noch genug übrig um im Buchladen zuzuschlagen. Nicht, daß ich nun dringend was über street-art gebraucht hätte oder noch einen Bildband über Holzarchitektur oder das Kind noch ein Bilderbuch (entzückend! warum können wir Deutsche eigentlich keine Bilderbücher?), aber wo ich schon mal da bin.

Etwas später holt mich ein reichlich unentspannt aussehender Ehemann direkt vorm Eingang ab – Navi sei dank. Wir touren noch einmal über die Prachtboulevards, suchen in Neuilly-sur-Seine eine ganze Weile vergebens nach ner Tankstelle – wer kommt schon auf die Idee, die könnte in ner Tiefgarage sein?- und begeben uns Stunden nach dem üblichen Stadtauswärtsstau Richtung Meer.

Trotz der schönen Einkäufe bleibt ein schaler Geschmack. Die Schöne und ich, wir haben uns diesmal nicht auf dem besten Fuß erwischt. A la prochaine?

Fazit: