Runtergesetzte Bildbände – besonders wenn’s um Gärten und Häuser geht – lassen mich ganz schnell jegliche contenance verlieren. So erging es mir am letzten Samstag mal wieder. Tapfer, weil ich mir für dieses Jahr dringend vorgenommen habe, kein Geld mehr auszugeben, sondern es nur noch zu investieren, hab ich nur das Gartenbuch für 7,99 mitgenommen, denn hier ist noch immer ein wüstes Ödland zu bestellen. Ein Buch, das mich da weiterbringen konnte, ging gerade noch als Investition durch. Eins über japanische Innenarchitektur nicht.

Nun spukt es mir im Kopf herum. Nicht, daß ich es unbedintgt haben wollen würde. Nein. Ich durchstreife nur in Gedanken wieder und wieder diese aufgeräumten, luftigen, fast leeren Räume. Wand, Fenster, Boden, eine Lampe, ein Wandschirm, einmal Bettzeug. Ein einzelner Kirschzweig in einer schwarzglänzenden Vase. Zwei leichte Sessel vor einem Fenster, durch das man in Baumkronen blickt, dazwischen ein Tisch mit zwei Teeschalen und einer Kanne. Und ich denke: wenn ich doch nur dort drei Wochen sitzen und schreiben könnte. Durch nichts Überflüssiges aus meiner Ruhe gebracht. Ganz versunken, hoch konzentriert. Ganz achtsam und da in jedem Augenblick.

Das sind natürlich alles Zuschreibungen meinerseits. Ich nehme nach wie vor an, daß ein Leben ohne Sofa ein verdammt unbequemes ist. Und wie man Räume mit diesen Reispapier-Holz-Türen-Fenster im Winter warm halten soll, ist mir schleierhaft. Trotzdem: diese Reduktion auf einige wesentliche Dinge und wunderbare Materialien und Blicke läßt mich durch meine Behausung streifen und schier die Wände hochgehen. Jede verfügbare Oberfläche zugestellt. Jedes Regal bis zum Äußersten gefüllt. Die große Platte meines Schreibtsiches unter Stiftköchern, Papierstapeln, Kabeln, Notizzetteln begraben.

Haben die Menschen in diesen Häusern (egal ob nun traditionell oder modern) keine Sachen? Wo steht bei denen die Kaffeedose mit der Kleingeldkasse vom Elternbeirat? Die Nähbücher? Die Kiste mit den Premierengeschenken, die man nicht wegwerfen kann?

Habe ich zu viele Dinge? Sicherlich. Aber was ist zu viel? Wie viele Dinge brauche ich denn, um glücklich zu sein? Oder sollte die Frage nicht lauten: Welche Dinge brauche ich, um glücklich zu sein?

Schon eine geraume Zeit habe ich den Eindruck, zu viel zu haben. Nur eben nicht genug Raum, nicht genug Luft. Reich fühle ich mich dabei nicht.

Ich habe mir mal, als ich noch studierte, nach langem Sparen eine große Suppentasse von Spode gekauft. Satte 99 Mark. Ein wunderbares Stück. Anfangs war es eine Zeremonie aus ihr Kakao zu trinken oder Suppe zu essen. Mittlerweile steht sie neben der Mundharmonika Sammlung meines Mannes und meinen Martini- und Grappagläsern und geht völlig unter. Genauso wie die beiden Reisschalen, die mir mein Bruder aus Vietnam mitgebracht hat. Die Mundharmonikas werden noch am häufigsten aus diesem Schrank genommen.

All diese Dinge, die ich besitze, besitze, weil ich sie eigentlich schön finde, die aber so gut wie nie benutzt werden, machen mich nicht glücklich. Im Gegenteil. Sie machen mir ein schlechtes Gewissen.

Und dann sind da noch all die Dinge, die man mal aufgehoben hat, weil sie irgendwie praktisch oder notwendig erschienen. Oder die, von denen man sich nicht trennen kann. Den Reader Lousiana Stories aus dem Landeskundeseminar. Die Keksdosen mit den Gänsen drauf. Die Pastamaschine. Die tollen Derwent-Buntstifte.

Was kaufen wir uns alles, nicht weil wir es tatsächlich gebrauchen können, sondern weil wir uns damit ein anderes Bild von uns selber machen? Ich kaufe Buntstifte, weil ich immer noch hoffe, eines Tages eine gute Zeichnerin zu werden. Ich kaufe Pinsel und Tusche, weil ich immer noch denke, wenn ich nur mal einen Monat Zeit aufbringen könnte, dann würde schon noch eine Kalligraphin aus mir. Ich  kaufe ein Backblech für entzückende kleine Tartes, weil ich ganz sicher irgendwann bald einmal ein Abendessen wie das in Babettes Fest geben werde.

Wir kaufen Dinge, aber eigentlich kaufen wir Träume. Versuchen Wunschvorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen. Aber die Dinge alleine, wenn wir sie nicht so gebrauchen, wie es der Wunschvorstellung entspräche, machen die Träume nicht wahr. Ungezwungene italienische Abende stellen sich nicht von alleine ein, nur weil ich eine Pastamaschine besitze. Und auch der tollste neue BH verwandelt mich nicht in Sophia Loren, wenn ich vor jedem Spiegel nur meine Makel sehe.

Die Dinge, die mir akut wohltuen würden: Ruhe, Zeit, Geduld zum Nähen, leerer Raum, gestalteter Garten, die sind nicht käuflich. Ja, die vielen Dinge, die ich schon gekauft habe, verbauen sie mir sogar.

Auf diesem Sessel an diesem Fenster sitzen, in die Baumwipfel sehen, Kirschblütentee trinken und in der Stille der Tage meine Gedanken ordnen zu einem Text, der an mehr rührt als nur an die Oberfläche. Das wäre Glück. So denke ich mir. Und dann will ich doch ein neues Paar Schuhe, kaufe dem Kind doch das heißgewünschte match-box-Auto, probiere eine neue Augencreme und nehme den grauen Unterziehrolli für nen 10er auch noch mit, weil bitte zu dem Preis? Und der schwarze hat über den Winter Löcher bekommen….

Ich hab nie Leute verstehen können, deren Ideal es war, alles in einen Koffer packen zu können. Ein viktorianisches Landhaus war eher meine Idealvorstellung. Doch im Moment hätte ich gegen ein Mehr an klösterlicher Kargheit nichts einzuwenden. Weniger, ja, aber vor allem viel, viel besser ausgewählt. Kuratieren ist ein tolles Wort und eine verdammt harte Leistung, wenn man sie auf die eigene Lebenswelt anwendet.Hoffentlich schaffe ich bis Samstag wenigstens alle Oberflächen wieder frei zu räumen.