Kontext:

Am Montag erschien bei Catherine dieser Text. Mich treibt schon eine Weile ein viel grundlegenderes Unbehagen mit dem Stand der Dinge in diesem unserem Lande. Nicht nur die gegenwärtige Gleichstellungspolitik finde ich irrsinnig, sondern diese Grundausrichtung aller Lebensbereiche auf die Belange des „Marktes“ hin. Ich würde gerne mit Euch weiter- und tiefergehend über die Frage nachdenken: Wie wollen wir leben?

 

„Die Würde des Menschen“, hab ich im Geschichtsunterricht gelesen, „ist unantastbar.“ So, sagte der gestrenge Herr Schwalbe, stehe es im Grundgesetz.

Bei nochmaligem Nachsehen stelle ich zu meiner Überraschung fest: Das steht da immer noch drin!

Wie kann es dann sein, daß unsere Kanzlerin (ja, wir haben sie nicht alle gewählt, aber zur Zeit regiert sie noch) von einer „marktkonformen Gesellschaft“ spricht und es geht kein Aufschrei mehr durch’s Land? Ist das wirklich das System, in dem wir leben wollen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Definiere: Würde. Definiere: Unantastbar.

Wie viel Wert hat des Menschen Würde noch, wenn er Harz IV beantragen muß? Verwirke ich meine Würde, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, für mein wirtschaftliches Wohl selbst hinreichend zu sorgen? Wie viel Wert hat des Menschen Würde noch, wenn Arbeitsrecht und tarifliche Vereinbarungen jederzeit den „ökonomischen Zwängen“ geopfert werden können – oder schlicht der Willkür der Geschäftsleitung. Wie viel Wert hat des Menschen Würde noch, wenn uns Testverfahren schon vor seiner Geburt Anlaß geben, dies Leben nicht zuzulassen? Wie viel Wert hat des Menschenwürde noch wenn, ja wenn … jeder finde seine eigenen Beispiele.

Wir sind als Gesellschaft schon eine Weile dabei, im Namen des wirtschaftlichen Wohlergehens und eines abstrusen Konstrukts von Sicherheitsbedenken, die großen bürgerlichen Freiheiten zu opfern, die als Reaktion auf das menschenverachtende Regime der Nationalsozialisten Eingang ins Grundgesetz gefunden hatten. Aber sind die Belange eines nebulösen Marktes wirklich gleichzusetzen mit dem individuellen wirtschaftlichen Wohlergehen? Macht uns die Aufgabe der Privatspäre sicherer?

Wo bleibt der Widerstand angesichts der zunehmenden Beschneidung von Grundrechten und der gleichzeitigen Zuschreibung von mehr und mehr Verpflichtungen an das Individuum? Der Staat darf immer mehr und mehr und muß immer weniger? Große wirtschaftliche Organisationen werden bevorzugt behandelt und stellen gleichsam eine so große Gefahr für das wirtschaftliche Wohlergehen der Nation, ja der Welt dar?

Warum formiert sich kein massiver, anhaltender Widerstand? – Oder tut sich was? (s. Stuttgart 21)

Jede Demokratie ist nur so gut, wie das Engagement einer jeden Bürgers. (Auch wenn Bürger sich nach Schlafrock und Zipfelmütze anhört und nicht nach  Barrikaden stürmende citoyens.) Die Demokratie ist keine milde Morgengabe des Großkapitals ans Volk (auf wenn die gnädige Widmung am Portal des Reichstags was anderes vermuten läßt). Demokratie ist erstritten worden. Und sie bleibt nur funktionsfähig, wenn wir alle mitstreiten darüber, wie wir leben wollen. Wer sich den Notwendigkeiten des Markts beugt, verliert aus den Augen, daß gelingendes Leben für Geld nicht zu kaufen ist.

Wie also wollen wir leben? Jede, jeder von uns: Was sind die Werte, die wir für un-ver-äußerlich halten? Die nicht verkauft werden dürfen?

Das ist zugleich eine gesamtgesellschaftliche und eine zutiefst private Frage. Beantworten muß sie jeder dür sich selbst. Erst dann kann Konsens gefunden und Handlung angeschoben werden.

Um den Faden nur mal an der Stelle aufzunehmen, wo’s mir zur Zeit am Wichtigsten ist:

Je länger ich mit meinem Kind lebe, desto mehr laufe ich innerlich Sturm gegen die sich abzeichnende Abschaffung der Kindheit. Klar weiß ich, daß meine Idealvorstellung davon auch ein kulturelles Konstrukt, nichts irgendwie Natürlich-Richtiges ist. Trotzdem halte ich daran fest, daß die Entwicklung des Kindes zu einem selbstsicheren, selbstbestimmten, selbst denkenden, handelnden, neugierigen, mutigen Menschen Ziel und Zweck der Jahre zwischen 0 und 18 ist. (Okay, weit gefaßter Zeitraum, aber eigentlich hört Selbstausbildung ja auch nie auf.)

Es kann nicht sein, daß der dazu nötige Freiraum, die Zeit und Zuwendung der vollen Erschließung möglichst marktkonformer Arbeitnehmer geopfert wird.
Es kann nicht sein, daß ein 12 Monate altes Kind als eingetaktetes Rädchen im Erwerbsleben seiner Eltern funktionieren muß. Es kann nicht sein, daß Vater und Mutter trotz Mehrbelastung durch Kind und Kinder ihre beruflichen Chancen nur wahren, in dem sie die Kinder in bezahlte Fremdbetreuung abgeben. Es kann nicht sein, daß alleinerziehende Mütter (und Väter) sich zwischen Job und Fürsorge fürs Kind aufreiben und dann bleibt nicht mal genug Geld übrig für zwei Wochen Camping-Urlaub. Es kann nicht sein, daß die Mehrbelastung pflegender Angehöriger reines Privatvergnügen ist.

Es kann nicht sein, daß die Bedingungen unseres Arbeitslebens unser Leben bestimmen und nicht unsere Vorstellungen vom Glück.

Es kann nicht sein, daß Familie und gemeinschaftstiftendes Engagement zu übersehbaren Fußnoten degenerieren.

Die Liste meiner ‚es kann nicht seins‘ scheint mir gerade endlos.

Wir brauchen mindestend Dreierlei:

Wir brauchen eine neue Wertigkeit für bürgerschaftliches Engagement. Wir sind der Souverän. Aber nur solange wir uns für uns einsetzen. Wir brauchen mehr lautes Nachdenken, mehr inhaltliche Auseinandersetzung und wir brauchen mehr Einmischung. In den Elternpflegschaften, in den Kommunen, auf landes- und Bundesebene. Ich kenne keine Mutter, die das Kinderkriegen nicht kritischer gemacht hätte. Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, diese Kritik für uns zu behalten oder es bei Worten zu belassen.

Wir brauchen zweitens mehr Menschen, die mutig ihren eigenen Lebensentwurf jemseits der marktorientierten Logik leben, nach der nur wenige die Chance auf große Gestaltungsfreiheit haben. Anders leben, bewußter nach eigenen Werten leben ist möglich. Nur ist es wie’s Kinderkriegen nicht ohne den Abschied von manchen Bequemlichkeiten und Sicherheiten zu haben. Freiheit ist niemals einfach.

Und drittens brauchen wir auf der politischen Ebene einen Klimawechsel. Wir brauchen eine Politik, die das Glück ihrer Bürger in den Mittelpunkt rückt und nicht seine optimale Ausbeutung durch die Wirtschaft.

Wir brauchen eine Auseinandersetzung,d ie auf breiter Front geführt wird: wissenschaftlich, publizistisch, privat.

Und wir brauchen mehr bewußtes Handeln als Resultat daraus. Von oben wird es keiner in unserem Sinne richten. Und es ist nichts als eine systemfestigende Legende, daß Einzelengagement keine Wirkung zeitigt. Jeder, der sein Haus dämmt, seinen Stromverbrauch drosselt und seinen Stromanbieter zu Gunsten von Ökostrom wechselt erhöht den Druck aufs System und damit die Wahrscheinlichkeit von Veränderungen.

Langer Text, was? Durchschnaufen, bitte.

 

Welche Werte sind für Euch unveräußerlich?

 

Was macht für Euch gelingendes Leben aus?

 

Welchen Stellenwert sollte Familie haben?

 

Wie definiert Ihr Arbeit und welchen Stellenwert hat sie?

 

Wo seid Ihr Euch der Wirkkraft Eurer Handlungen und Entscheidungen bewußt?

 

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