Vorsicht! Theorie-Post.

Bei Cat war neulich Nachdenkenswertes zum Thema femistische Verortung von weiblicher DIY Kultur zu lesen. An nem Blogbeitrag, der in ähnliche Richtung geht, kaue ich schon ne ganze Zeit rum – verwickele mich aber immer wieder in den vielen Bezügen, die ich da auf- und zusammengedröselt sehen möchte.

Wer hier aussteigen möchte: Kein böses Blut. Macht was fertig in der Zeit. ;-) Hier könnt’s heute was länger dauern.

Ist DIY nun eine widerständige Praxis neuerdings oder nicht?

Definiere ‚widerständige Praxis‘.

Es scheint paradox, aber die großen Entscheidungen des Lebens zeigen sich vor allem in den kleinen, den alltäglichen Dingen.

Was und wo kaufe ich? Nehm ich das Auto, den Bus oder geh ich zu Fuß? Hänge ich vorm Rechner ab oder grab ich meinen Garten um? Lassen wir unsere Kinder ganztags von anderen betreuen oder übernehmen wir das zum großen Teil selbst? Und wenn ja, bleibt dann die Mama zu Haus oder der Papa? Wer wäscht ab, wer putzt die Fenster und wer läßt sich in den Elternbeirat wählen? Wie lange läßt man sich vom Chef anschreien und was ist man um der Karriere willen gewillt mitzuspielen?

Bevor wir bewußt die kleine, lokale oder gar die große Bühne der Politik betreten, haben wir mit unseren alltäglichen Handlungen schon Welt gestaltet, Gesellschaftssysteme stabilisiert oder unterlaufen.

Meist unbewußt. Ohne nachzudenken.

Praxis bedeutet für mich eine Qualität von Handeln, die vor allem eins nicht ist: gedankenlos.

Es ist eine kontinuierlich ausgeübte, selbstgewählte Handlung, die einen sowohl intellektuell als auch emotional fordert.  Praxis entsteht im „trotzdem“. Es ist eine bewußt geführte Bewegung gegen innere, aber auch gegen äußere Widerstände. Es ist ein Tun, das mit den Dingen der Welt verhandelt. Weder sie, noch die eigenen Limitierungen als gegeben hinnimmt.

Gleichzeitig ist Praxis eine Haltung der Demut: Sie strebt einem selten zu erreichenden Ideal zu, ohne die Lust und die Freude am Prozess zu verlieren.

Praxis so verstanden ist schon im Ansatz widerständig, denn sie verfolgt ein selbstgesetztes Ziel gegen gegebene Umstände. Wer nicht nur die Vorstellung vom Nähen liebt, sondern es tatsächlich tut, wird schnell entscheiden müssen über welche anderen ‚Verpflichtungen‘ das Nähen Priorität hat und welchen es Vorrang gewährt. Wer das Ziel einer selbstgemachten Garderobe verfolgt, wird sich kritisch auseinandersetzen müssen damit wie ihre Tage gestaltet sind und eine neue Struktur ‚er‘-finden müssen. Sie wird vermitteln müssen zwischen den eigenen handwerklichen Fähigkeiten, dem Material und ihrer Vorstellung von dem, was das werden soll.

Ist nun jeder Einsatz an der Nähmaschine per se schon revolutionär? Im Überschwang der DIY-Begeisterung könnte man JA sagen, NICHT WIRKLICH ist aber realistischer.

Die Masse an Baumärkten ist nicht reiner Ausdruck massiven Widerstands gegen schnöden Konsum, sondern beständige Warnung, das Zutaten kaufen noch keine Weltgestaltung ist.

Was das Nähen zur widerständigen Praxis machen kann, ist die Absicht, die damit verfolgt wird. Es ist die Achtsamkeit, die wir aufbringen in diesem Tun. Und es ist die Kontinuität mit der wir uns in dieser Form gestaltend bewegen.

Warum nähe ich? Was motiviert mich? Was will ich mit dem Nähen erreichen? Woher beziehe ich meine Materialien? Bin ich mir der Folgen meiner Kaufentscheidungen bewußt? Wie nachhaltig produziere ich? Wie gehe ich mit der Fülle der fälligen Entscheidungen um? Setze ich meine eigenen Ideen um oder die eines anderen? Oder mischt sich beides zu etwas Drittem? Wie gehe ich mit meinem Körper um? Wessen Vorstellungen fließen in ‚meinen‘ Begriff von Schönheit und Bequemlichkeit ein? Verändern meine zunehmenden Fähigkeiten meinen Blick auf die Bekleidungsindustrie? Zieht mein verändertes Konsumverhalten in diesem Bereich eine Veränderung in anderen Bereichen nach sich? Fordere ich mich immer wieder heraus?

Niemand wird bei jedem Teil, das er produziert, über all das nachdenken. Wenn aber die kontinuierliche Praxis von einer solchen Achtsamkeit geprägt ist, stellt sich über Zeit eine Haltung und eine Handlungskompetenz ein, die quer zu umgebenden Normen und Zuschreibungen liegt und damit verändernde Kraft hat.

Selber machen (in welcher Disziplin auch immer) heißt, sich die Kontrolle und die Gestaltungshoheit zurückzuholen. Das geht nicht ohne Anstrengung, aber es stärkt die Widerstandskraft.

So verquast hippie-esk es sich anhören mag: Aber ja, man kann für den Weltfrieden stricken.

Stricken hat etwas Meditatives, was den inneren Aufruhr befrieden kann.
Stricken hat als Tradition und Handwerk eine verbindende Kraft: es ist etwas, was ich mit meiner Oma, einer hippen Mitt20erin in Tokio und ner weisen alten Frau in Kolumbien gemeinsam hab. Ich kann mit meinem Garneinkauf den kleinen Handarbeitsladen im Dorf genauso unterstützen, wie die Biobäuerin, die ökologisch einwandfreies Strickgarn herstellt. Es ist eine Frage der Achtsamkeit und Konsequenz.

Und wenn der Weltfrieden wirklich mein Anliegen ist, dann sollte ich es nicht beim Stricken bewenden lassen, sondern das, was ich da lerne, anwenden. In immer größeren Zusammenhängen. In immer größeren Gemeinschaften.

Wer die zum Selbermachen nötige Geduld, Hartnäckigkeit, Kreativität, Improvisationsgabe und Fehlertoleranz entwickelt hat, hat eine Menge Handlungsoptionen mehr, als jemand, der alle halbe Jahre sein Geld zu H&M schleppt. Wer ein tomatenrote Kleid nähen kann, dessen Materialien ökologisch akzeptabel sind, dessen figurbetonte Paßform super sitzt und sich dann traut, das auch zu tragen, der kann auch für den Landtag kandidieren, sein eigenes Geschäft eröffnen oder ein Non-Profit gründen. Oder Kunst machen.

Man ändert Systeme selten dadurch, daß man die Elemente austauscht (ausgenommen mal die Konsequenzen der Präsidentschaftswahlen in den USA). Keine Frau wird gleichberechtigter dadurch, daß sie das Strickzeug aus der Hand legt. Man ändert sie, in dem man den Zweck verändert und die Verbindungen und Beziehungen und Spielregeln immerhalb.

Also: Wie, warum und wozu nähen wir? Und wo und wofür schließen wir uns zusammen?