Oder: Der Gaderoben-Queste zweiter Teil
Oder auch: Meine Gedanken zu Meikes Nähfragezeichen Nummero 25
Äpfel sind meist lecker, saftig, knackig und irgendwie rund. Sanduhren hingegen eigentlich zwei mit der Spitze aufeinander zeigende Dreiecke. Und bei Problemzonen sollte frau eher an Afghanistan, Iran, Irak oder Fukoshima denken, nicht an den eigenen Körper.
Braucht jemand, die sich seit 10, 20 Jahren alleine anzieht, tatsächlich noch Beratung hinsichtlich der Klamotten, die ihr stehen? Und was heißt ‘stehen’ in diesem Falle überhaupt?
Hm.
Fangen wir mal mit Letzterem an. Ich finde, daß mir Pink ganz hervorragend steht. Und trage es dementsprechend gerne. Allerdings hab ich nach einer ziemlich fiesen Bemerkung, die ich so circa 9. Klasse zu meiner damaligen Lieblingsbluse – pink, Rüschen – abbekam, gute 10 Jahre gebraucht, um zu dieser Farbe zurückzukommen. Und es gibt heute noch Tage, an denen ich mich nicht in Pink vor die Tür traue. Und es gibt heute noch Tage, an denen ich mich in Pink im Spiegel sehe und mit Genugtuung denke, daß die beiden blöden Gänse damals nur neidisch waren.
Halten wir also mal fest, daß sich hinter der simplen Frage ‘welche Klamotten stehen mir’ eine komplexe, mitunter toxische Gemengelage an Normen, Konventionen, Selbst- und Fremdbildern verbirgt.
Und da sollen nun fremddefinierte, wertbesetzte Typenbezeichnungen Klarheit, Sicherheit oder auch einfach nur Entscheidungsbeschleunigung bringen (im Sinne von: brauch ich gar nicht mit in die Kabine nehmen bzw. den Schnitt brauch ich gar nicht erst abzupausen).
Nochmal: Hm.
Klar hab ich neulich sofort den online-Test gemacht, der meine Körperform bestimmte und mich klammheimlich gefreut, eine Sanduhr zu sein. Ist doch die Sanduhr – also die Frau mit ausgeprägtem Busen und ausgeprägten Hüften und einer dazwischen deutlich sich verjüngenden Taille – die weibliche Körperform, die ich am schönsten finde. Aber halt! Finde ICH die wirklich am schönsten? Und warum? Oder war ich ob des Testergebnisses nur ein Wenig über meinen Bauch hinweggetröstet?
Letztlich kocht die Gemengelage bei mir wohl ein auf die Frage, ob Frau auch mit Größe 46 noch weiblich, sinnlich, attraktiv sein kann und darf. Und ich vermute schwer, daß ich damit nicht die Einzige bin.
So, nu weiß ich also, daß ich eine Sanduhr bin und bin keine Spur entspannter. Was jetzt?
Sehen wir’s mal technisch. Unser Körper ist eine dreidimensionale Form. Er wölbt sich hier vor, da zurück. Wichtiger als seine generelle Typenbezeichnung zu kennen, scheint es mir zu sein, eine präzise räumliche Vorstellung von ihm zu gewinnen, besonders dann, wenn man für ihn nähen will.
Mit den Körperformenkategorien verhält es sich da wohl ähnlich wie mit den Größen. Sie geben eine bestimmte Richtung an. Man hüte sich aber davor, die als Vorgabe oder Ausschlußkriterium zu verstehen. Nur weil mein Busen einen 46er Umfang braucht, heißt das noch lange nicht, daß meine Schultern auch ne 46er Bluse ausfüllen. Und obwohl ich also eine Sanduhr bin, werden Klamotten, die in der Körpermitte hautnah anliegen bei mir nicht besonders dolle aussehen, weil dann das Leberwurstpellensyndrom auftritt. Sprich ich wölbe mich an meiner schmalsten Stelle nach vorn und wieder zurück und wieder nach vorn. Und nur weil die einschlägige Literatur für die Sanduhr eine Betonung des Busens anrät, heißt das ja noch lange nicht, daß busentragende Sanduhren damit auch entspannt umgehen können / wollen etc.
Bleibt die Frage, woran orientiere ich mich denn jetzt, um zu klären, ob mir was steht?
An der eigenen Trageerfahrung. Kleiderschrank öffnen, alle Lieblingsteile rausnehmen, anziehen und sich damit vor den Spiegel wagen: Dann genau analysieren, was warum so funktioniert. Das dann als Anhaltspunkte beim Kleiderkauf bzw. der Stoffauswahl.
Zusätzlich: Auch beim Nähen ab und an was riskieren. Ja, leider kann man erst anprobieren, wenn man schon Arbeit investiert hat, aber Versuch macht kluch, wie mein alter Chemielehrer immer sagte. Wenn man wieder und wieder zu einem Schnitt zurückkommt und denkt: ‘den würd ich ja schon mal gerne’, dann muß man’s halt riskieren. (Aside: Ist das mit Männern wesentlich anders?)
Gut, nun.
Also – was steht mir ( im Sinne von: was ziehe ich gerne an und fühl mich darin umwerfend):
V-Ausschnitte, gerne tiefer, gerne an schwarzen taillenkurzen Pullis.
generell alle Ausschnittsformen, die meinen Busen und meine Schultern betonen
Empire: ja; A-Linie: nein
Röcke: Bleistiftform oder aber was schräg Geschnittenes, was den Körper umspielt; mein Brautkleid sprang unterhalb des Knies auf (Meerjungfrau, also), das sah auch toll aus, allerdings war ich da leichter – um Einiges; Faltenröcke mit nicht zu vielen Falten (Tellerröcke sind zur Zeit zu voluminös);
Rocklänge: bis knapp unters Knie oder aber gerade unterhalb der dicksten Stelle meiner Wade; aber eher die kurze Variante
generell wohl: an den Stellen, an denen ich schon voluminös bin, nicht noch extra was draufpacken
dementsprechend mag ich meine Kleider eher auf Körper geschnitten als wallawalla, aber eben auch nicht Leberwurstpellen eng
Oberteile: tailliert und kurz unter der Taille endend; gerne Fledermausärmel, gerne Ärmel, die unten etwas bauschiger sind, gerne auch 3/4 Arm, weil ich alles Längere eh gleich wieder hochschiebe oder – schlage; Puffärmel hab ich noch nicht ausprobiert, obwohl ich die beim Ansehen meist schön finde
Hosen: weites, aber nicht zu weites Bein; mit hohen Schuhen auch mal Bootcut; auch immer angenehm: Stretch-Stoffe (ich sach nur: die Stretchcord-Marlenes von Noa Noa von vor vier, fünf Jahren: ein Traum!)
Kleider: in einem Stück geschnitten sieht besser aus als angesetzter Rock; meistens muß ich am Vorderteil den Taillenabnäher stark verkürzen
Gürtel geht gar nicht! Oberteile, Kleider, Mäntel dürfen gerne auf Taille geschnitten sein, aber eben nicht da gebunden
Farbe und Muster: gerne. Wobei ich zum Selbstnähen erstmal uni und Kleingemustertes vorziehe – ist nervenschonender!
Im Allgemeinen mag ich es in der Form lieber clean. Hier und da mal ne Falte, ein Drapee unterm Busen, aber ich bin kleine Volant- und Rüschenträgerin. Visuelle Abwechslung mag ich lieber über Textur und Muster des Stoffs.
Ach ja: ich bin eine Sanduhr! So wie Monica Bellucci, Sophia Loren, Marilyn Monroe. Sagte ich das schon? Oh. Aber das ist ja auch nicht sooo relevant, nich?
P.S.: Bei Gertie gibt’s eine Menge Lesenswertes zu Körperbildern und der Frage, was die mit unserem Kleidungsstil zu tun haben. Einer der posts geistert mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich einen dieser Tage habe, wo nicht mal ein Kleid von Lanvin mich lächeln machen könnte. Sie zitiert da einen Text von Eve Ensler. Den sollte sich frau eigentlich auf den Spiegel schreiben!