Herzlich Willkommen!

Treten Sie ein. Lassen Sie sich nicht erschrecken. Hier herrscht kreatives Chaos und das soll so. Process is messy. Und einfach hinreißend. Muttersein ist messy. Und hinreißend. Sachen machen ist ... richtig: messy. Und absolut entzückend. Stecken Sie sich an.

Kopf UND Herz!

Immer wieder spannend, wie manche Überlegungen quer durch die Näh-Blogosphere gleichzeitig an mehreren Orten hochblubbern. Hier z.B. bei Sewing Galaxy und bei La Couceuse. Im angloamerikanischen Sprachraum lief die Diskussion vor einer Weile unter cake versus frosting.

Ich nähe jetzt seit 4 Jahren intensiv. Das, was mich am Anfang antrieb – möglichst schnell meinen Kleiderschrank mit Kleidungsstücken zu füllen, die mir paßten, gefielen, dem Level entsprachen, auf dem ich mich  vor der Schwangerschaft und mit festem Einkommen gekleidet hatte, aber eben nicht so teuer waren – hat sich zunehmens verflüchtigt.

Von Oberteilen und taillenkurzen Strickjacken mal abgesehen, ist mein Kleiderschrank mittlerweile wieder so bestückt, dass ich mich anziehen kann ohne jeden Morgen die Krise zu kriegen. Sogar zu den nur gelegentlich auftauchende festlichen Gelegenheiten kann ich unter verschiedenen Kleidungsstücken wählen.

Ein gewisser Grad an Sättigung ist erreicht. Damit steigen die eh schon nicht geringen Anforderungen, die ich an meine selbstgemachte Kleidung stelle, erneut. Alles, worauf ich mich jetzt einlasse, WILL ich haben. Und weil ich es haben will, trage ich es dann auch, wenn es fertig ist, vorausgesetzt, ich hab die Paßform nicht versemmelt.

Es gibt in meinem Kleiderschrank keine Kleidungsstücke, die ich nicht trage, weil sie nicht zu meinem Leben passen. Hell, ich will ein Abendkleid nähen und tragen, hab aber keinen Anlaß dazu? Dann veranstalte ich einen Ball. Ich liebe Cocktailkleider, aber die Einladungen dafür bleiben aus? Dann schmeisse ich halt selbst eine Cocktail-Party.

Ich lebe in der südwestfälischen Provinz. Bis jetzt haben nicht mal die vernähten Wax-Prints unter meinen nichtnähenden Mitmenschen für außergewöhnliche Reaktionen gesorgt. Offensichtlich ist es also nicht so, dass wax-prints nicht zu meinem Leben passen. Ich werde jedenfalls nicht darauf hingewiesen.

Beruflich treibe ich mich in Bereichen herum, die wenn überhaupt eher die Anforderung stellen, mich möglichst individuell zu kleiden. Ich trage an den meisten Tagen genau das, worauf ICH LUST habe und mache mir nur an wenigen Tagen ernstzunehmende Gedanken darüber, was ich tragen SOLLTE und wie die jeweilige Klamotte wirken könnte / muss. Privilegiert, ich weiß.

Materialien, die tatsächlich nicht zu meinem Leben passen – weil ich zu faul bin, mit der Hand zu waschen und kein Poly auf der Haut mag – kaufe ich nicht mehr.  Egal wie schön der Druck ist. Ich trage meinen Bleistiftrock aus teurem Jacquard aber nicht nur zum Messebesuch, sondern auch an einem reinen home-office-Tag. Weil ich mich darin mag und gut fühle.

Mit anderen Worten: das Feld der Kleidungsstücke, die zu meinem Leben passen, ist ziemlich weit gesteckt. Auch und vielleicht vor allem, weil ich das so sehe.

Ich hab mich seit meiner Teenager-Zeit daran gerieben, dass die Kleidung, von der ich träumte, nicht verfügbar war (oder nicht bezahlbar). Und nun, da der Druck weg ist, schlicht was zum Anziehen zu brauchen, tritt wieder der Wunsch in den Vordergrund, besondere Dinge zu tragen, ergo sie zu nähen. Ausgefallene Stoffe zu verarbeiten. 60s Schnitte für mich zu adaptieren. Mich von verschiedenen Quellen und Bildern in meinem Kopf inspirieren zu lassen, ein Kleidungsstück von der ersten Idee bis zur letzten Umsetzung völlig selbständig zu produzieren.

Und immer begleitet mich dabei ein bestimmtes „Inszenierungskonzept“ (die Regisseurin in mir kann wohl nicht anders). Für jede Jahreszeit habe ich eine generelle Stimmung im Kopf, die ich mit den dann genähten Kleidungsstücken umzusetzen versuche. Ausgehend von der jeweils fixen Idee, an die ich mein Herz verloren habe, versuche ich zunehmend methodischer (siehe Spring Style-Along) deren Realisierung.

Klar schießt da ab und zu ein Teil dazwischen, das jetzt gerade sein muss. Das nervt den Orga-Freak in mir, aber mittlerweile weiß ich: Diese Sturm und Drang-Teile haben genauso das Potential, heißgeliebt zu Tode getragen zu werden.

Aus meiner Perspektive sind Kopf und Herz beim Nähen keine Widersprüche. Wenn uns nach einer rein pragmatischen Garderobe wäre, würden wir zur Jeans- und Outdoorjacken-Fraktion gehören. Wir nähen aber, weil wir durch die gestalterischen Fähigkeiten, die sich damit auftuen, etwas (über uns) erzählen wollen. Im Tragen etwas erleben wollen. Wir hätten gerne etwas von dieser zen-artigen Aura, die manche japanische Schnittmuster umgibt. Oder aber deren Mädchenhaftigkeit. Wir nähen, weil es einen inneren Absicht dazu gibt.

Eine bedarfsorientierte Nähstrategie, die extrem praktische Teile hervorbringt, die wir nicht lieben, führt genauso zu Schrankleichen, wie eine komplett fantasiebasierte Nähstrategie, die nur Teile hervorbringt, die frau an genau 16 Stunden im Jahr tragen kann.

Die Kunst besteht darin, die „Verrücktheiten“, an die wir unser Herz verlieren, in alltagstaugliche Formen zu übersetzen. Die gedachte Polarität zwischen Sollen und Wollen zu überwinden und uns genau die Teile zu nähen, die uns das Herz und den Alltag wärmen. Eine gestalterische Herausforderung, klar. Aber genau das ist doch die Lust an der Sache, non?

 

Couture Schatzkästchen

artsinfabrics_herzkönigin

Ich hatte auf der VIEW Munich bei Taroni eine Satin Double Gabardine (für schlappe 96 €/m) in den Händen gehabt und Leder von Fauck mit dem Laser so fein wie Spitze geschnitten. Ich rechnete wahrlich nicht damit, bei Arts in Fabrics noch mal gestoffschockt zu werden. Ich sollte falsch liegen.

Aber vielleicht eben mal chronologisch.

Letzte Woche war ich beruflich in München auf der VIEW, einer kleineren, aber extrem feinen Stoffmesse. Und ehrlich gesagt, reichte mir das vorhandene Angebot von ca. 100 Ausstellern komplett. Es brauchte mehrere Latte Macchiato-Pausen um den taktilen overkill zu verkraften.

Danke an Andrea, die mit gleicher Begeisterung „Oh“ und „AH!“ und „GUCK MAL DEN DA!“ rief. (Und nein, damit war nicht einer der zahllos anwesenden gutaussehenden Italiener gemeint, sondern ein weiterer Sehnsuchtsfetzen Stoff.) Danke auch an Fashion for Designers, die diese umwerfende Stoff-Safari erst möglich gemacht haben.

Anyway: Ich hatte also bereits einen Tag damit verbracht, Stoffe zu streicheln. Mich zu verlieben und wieder zu verlieben und wieder zu verlieben und ernsthaft zu überlegen, wenn ich alles überreden könnte, ein paar Meter von besagter petrolfarbener Gabardine zu nehmen, um auf die 70m Mindestbestellmenge zu kommen (anyone?). Ich hatte eine Nacht hinter mir, in der ich vor lauter Nähideen, alle 2 Stunden aufgewacht war und irgendwann entnervt das Notizbuch genommen hatte, um wenigstens die Hälfte irgendwie festzuhalten. (Warum man Bilder, die man mit unglaublicher Klarheit für 30 sec im Kopf sieht, nicht nachhaltig abspeichern kann, werd ich nie verstehen.)

flowersandsome

In anderen Worten: Ich dachte, ich hätte für die nächsten 12 Monate genug hinreißendgroßartige-superkalifragilistische Stoffe gesehen.

Außerdem hatte ich an diesem zweiten Tag in München schon ellbogenlange Lederhandschuhe gekauft, Swarowski Elements für den Gegenwert eines Wochenendkauf im türkischen Supermarkt und eine Kette für – ach nee, das sag ich jetzt mal nicht Euro – zurücklegen lassen. Einen Wollstoff für eine Jacke passend zu den Handschuhen. Mehr wollte ich nicht. (Vrouwelin liest das jetzt hoffentlich alles nicht.)

Yeah.

Right.

williammorris

Sagen wir mal so: ich habe noch nie so viel an die Stoffe gedacht, die ich zurückgelassen habe, wie nach meinem Besuch bei Arts in Fabrics.

Leute, Leute, Leute.

Ich kann das ja bei Turm-Stoffe nicht ausstehen, wenn der Senior-Chef einem zuraunt: „Den hat Dolce & Gabbana auch verarbeitet.“ Ja, will ich dann immer sagen. Vor zweieinhalb Jahren. Hier streife ich ungläubig über zwei Rosenstoffe und denke: Das kommt doch gerade erst in die Läden.

versacejeans2

Wer – wie ich –  gelegentlich mal eine Elle kauft oder die Runway-Fotos der kommenden Saison im Internet durchforstet, wird hier einige Bekannte finden. Alle andere finden traumhafte Stoffe. In einer Dichte, die ich so auch in Paris in keinem einzigen Laden gesehen habe.

Die Auswahl ist mithin unglaublich gut kuratiert. Ein kecker wax-print in Pink und Grasgrün mit braunen Akzenten. Ich sehe sofort ein Dirndl. Ich. Sehe. Sofort. Ein. Dirndl. Ich! ??? Leider macht mich das Grün ganz krank im Gesicht. Ein minikleines Vichykaro in weiß-beige mit neonpinken Einsprengseln. Ein blutroter Jacquard, auf dem sich eine Rosenblüte an die nächste reiht. Ein festes, dickes fliederfarbenes Gemisch mit dunkelvioletten Sprengseln, so als habe man Pollock in seiner lila Phase Leinwand aus dem Atelier geklaut.

weekendtemptations1

Arts in Fabrics ist ganz sicher die Wahl, wenn eine auf der Suche nach was Besonderem ist. Außer Stoffen gibt es eine Auswahl an Knöpfen und ungewöhnliche Borten. (Ähm, ja. Mittlerweile denke ich, ich hätte ein paar Meter von der Federborte mitnehmen sollen.) Der Laden ist übersichtlich. Die Bedienung freundlich und kompetent. Auf name dropping warte ich vergebens. Es gibt einen kleinen Stapel mit Coupons. Den sollte frau sich auch vornehmen. Sonst kann’s wirklich teuer werden.

Nach dem Einkauf brauchte ich erstmal eine sehr lange Verschnaufpause im Grünen. Das Kopfkini läuft auf Hochtouren. Herbstgarderobe in the making. Als ich endlich die Hotelzimmertür hinter mir und meinen Schätzen zuziehe, reisst der Henkel der Tasche. Puh! Gerade noch mal geschafft.

 

 

 

Channel this: The King of Cool

Ich dachte, wir bräuchten vielleicht etwas Abkühlung, darum einen extrem coolen Stylepaten für diesen Monat:

Steve McQueen!  — Yeah, baby.

 

lgpp30801

 

Seitdem ich mit vierzehn oder so mal sehr spät freitags abends in Bullitt reingezappt bin, bin ich ein Steve McQueen Fangirl. I mean, what’s not to like? Ein Kerl, der in einem maßgeschneiderten dreiteiligen Anzug genauso lässig und unbeeindruckt von der eigenen Klamotte daher kommt, wie in einer schlammverspritzten Jeans und durchgeschwitztem T-Shirt? Der den Eindruck erweckt, es wäre eigentlich vollkommen egal, was er trüge, er würde jedem Kleidungsstück seine Persönlichkeit aufdrücken. Cooler geht’s nicht, finde ich.

 

steve-mcqueen

 

Abseits des Sets scheint Steve McQueens Garderobe aus den Klassikern amerikanischer Casual-Klamotten bestanden zu haben: Jeans, Chino, T-Shirts, Polohemden, Buttondown, Sweatshirts, Harrington Jacket, Desert Boots, Canvas Shoes. Reduzierte Palette. Alles immer körperbetont. Müßte hinzukriegen sein – aber hier macht wohl eher die innere Haltung den Style als umgekehrt.

 

life-time-gear-steve-mcqueen-fishing-king-cool_204272

tumblr_mts9njE55d1rnoo78o1_1280

 

Die wichtigsten Accessoires: Die richtige Sonnebrille, coole Karre oder cooles Bike.

 

Steve

So. Unser gemeinsames Date mit Steve McQueen ist am 31.07.2015. Ich bin wie immer sehr gespannt.

Für alle Roisin Murphy-Fans: Dran bleiben. Nächsten Monat gibt es eine Musik-Challenge. 😉